SelbstSeelenGespür

Die SchöpferGÖTTIN –
die Dyadische

wachsen

Mit meinen weiteren Überlegungen zur schöpferischen Allmutter möchte ich einerseits mit dem Begriff „Göttin“ jenen Gedanken (auch Henri Bergsons) unterstützen, dass nicht nur allgemein das ständige Sichverändern aller Natur im engeren Sinne schöpferisch genannt werden sollte, sondern dass „Schöpferisches“ in seiner höchsten Verwirklichungsart sich im oder durch den Menschen verwirklicht. Lassen wir einmal Mutationen, spontane Veränderungen, unvorhersehbare Vereinigungen elementarster Teilchen und so etwas beiseite, so können wir doch sagen, dass es sich erst beim Menschen um das zutiefst originäre Wesen von Schöpfung handelt, nämlich um die Sinnen-hafte und dadurch erst sinn-haft bewusste Gestaltung von Transformation. Also im Grunde dem Wesen nach um eine im weitesten Sinne „künstlerische“ Handlung, die „wirklich neue Wirklichkeit“ im Vollzug einer seelisch-geistigen Potenzialverwirklichung hervorbringt. Wodurch also gleichermaßen (m)eine weiblich-göttliche Vision ins Spiel kommt, nämlich Eros, Beziehung, Liebe und ein dem Leben – besonders auch dem menschlichen Leben – optional dienendes und weises Schöpfen!

Auch möchte ich, wie oben schon angedeutet, Göttin als schöpferischer All-Mutter ausdrücklich Sexualität und Erotik (und selbstverständlich Agape) als von Ihr geschaffen, also gewollt und ausdrücklich bejaht, zuordnen. Denn nur wenn wir das erkennen und bejahen, kann es gelingen, die personale, ebenbürtige Beziehung und Partner-Liebe unabhängig von der sexuellen Identität (also egal ob es sich um hetero-, bi-, trans-, intersexuelle Personen handelt) wieder zu heilen ja sogar zu heiligen (!). Obwohl ich damit nicht sage, dass geschlechtliche Liebe unbedingt sexuell gelebt werden muss, meine ich doch, dass Liebe ohne die Anerkennung der grundsätzlich anziehungs-geladenen, also erotisierenden Geschlechtlichkeit eines Gegenübers nicht wirklich möglich ist.

Damit löse ich mich definitiv auch von der kirchlich-christlich dogmatisierten Entsexualisierung Marias, der Mutter-Gottes und dem Versuch, sie auf den jungfräulich-schöpferischen, nährenden, mitfühlenden und tröstenden Aspekt zu reduzieren. Natürlich kommen diese Aspekte dem Mütterlichen in unserem Erleben zu. Damit gleichzeitig aber den Versuch zu machen, das Mütterliche und auch das Väterliche wie bei „GOTT Vater“ – und damit das Göttliche als solches – vom Sexuellen zu trennen und dieses seinerseits sogar als „antigöttlich“ abzustempeln, kann nicht mehr gehalten werden! Vielmehr ist es dringend geboten, gerade in der Realisierung unserer gesamtleiblichen Geschaffenheit auch und gerade unsere Geschlechtlichkeit als zentralen Aspekt unseres ganzen Seins zu erkennen, anzunehmen und uns auch darin als dem SchöpferWesen wesensgleich zu heiligen!

Also: Ich nehme Göttin (und hier tatsächlich parallel etwa zu christlichen, jüdischen oder islamischen Gottesvorstellung!) als immer seiend und allgegenwärtig anwesend, jedoch, anders als diese, als All-Eine und als die All-Schöpferin, also weiblich definiert, wahr. Und wenn ich mich nun, als Ihre Tochter (!), in Sie einfühle und zu Ihr in meinem Innern ein SelbstSeelenGespür entstehen lasse, in diesem verweile und auf es „schaue“, dann kann ich aus diesem intuitiv und (im Sinne Gendlins oder auch Bergsons) unmittelbar Geschauten über Sie – quasi thea-logisch, nicht theologisch – schließen, dass Sie mit Ihrer weiblich-schöpferischen Qualität niemals monotheistisch und damit männlich assoziiert einfältig sein kann! Im Gegenteil: Sie muss notwendig und unabdingbar immer und ewig polar, zumindest bi-polar (oder sogar multipolar) sein, sobald Sie aus sich selbst – Ihrem nur Für-sich-Sein heraus(gehend) beginnt, sich zu beziehen, zu verbinden und aktiv schöpferisch zu sein!

Denn – und hier gilt der Umkehrschluss: weiblich sein heißt schöpferisch sein und schöpferisch sein ist weiblich! (auch anteilig im Mann!) – weiblich oder weiblich „gepolt“ zu sein, heißt aber immer auch zumindest „bi-polar“ zu sein in dem Sinne, dass da stets eine Grundmotivation hin zu jemand, zu etwas anderem vorhanden ist. Ob es sich dabei um eine Bindungs- oder Einswerdungs-Sehnsucht handelt oder ein Bedürfnis nach Entfaltung, eine nicht näher definierbare Motivation, also eine der vielen in mir anklopfenden Erregungen des von mir Eros-FeuerWirbel genannten Elan vital, um eine noch unklare Vision, einen Wunsch oder schlicht eine Neugier handelt: immer geht es darum, dass ich mich, und sei es wie getrieben, aktiv irgendwie auf etwas beziehen möchte. Dass ich mir mit mir selbst nicht genug bin, sondern hinausgehe und mich mit einem Anderen/etwas anderem, der/das mich anzieht, liebe- und lustvoll verbinde. Dass ich dafür empfänglich bin bis hin zu einer innigsten Vereinigung. Und mich darin von ihm, dem Anderen, befruchten lasse, dadurch in mir ein neues, wirklich originäres Sein erschaffe, dieses in mir wachsen lasse, bis es „reif“ ist, um es dann aus mir in die Welt zu entlassen. Sei es ein leibhaftiges Kind, eine Idee, die ich in die Tat umsetze, ein Kunst- oder anderes Werk. Stets ist es dieser Prozess des Empfangen, Schwangerseins/-gehens, Gebärens, Nährens, Auf- und Erziehens und dann In-die-Welt-Gebens, den ich als wahrscheinliche Haupteigenschaft des Weiblichen betrachte. Und zu dessen Entstehung immer und allezeit etwas/wer Anderes als Samen- oder Impulsgeber nötig ist.1

Vom menschlich-schöpferischen Sein her gesehen, bezeichne ich also die Urpolarität, die allem Schöpferischen immanent ist und als schöpferisches Potenzial eben jeweils Männliches und Weibliches braucht, in diesem Sinne als ein SchöpferPaar. Damit will ich ganz ausdrücklich auch die sexuell-erotische Komponente des Schöpfens betonen und auf eine neue Bewertung aller zeugenden Kreativität zumindest bei uns Menschen hinarbeiten.

Besonders als Frau weise ich damit noch einmal ganz explizit das katholische, der menschlichen Biologie zutiefst widersprechende Dogma der auch biologischen Jungfrauengeburt Marias und damit die Entsexualisierung und, darauf wiederum basierend, die Entmachtung der Gottes-Mutter Maria zurück! Meiner Ansicht nach kann es – auch im seelischen und spirituellen Sinne – eben keinen „Sinn“ machen, außer dass damit einer Diffamierung und damit Abwehr der ursprünglichen Seins- und Wirkmächtigkeit des Weiblichen durch seine Abwertung im Prozess einer homoerotischen, entleiblichten, rein geistigen Entwicklung in einem männlich-patriarchalen Wollen Wasser auf die Mühlen geschüttet wird! (Dazu an anderer Stelle mehr!)

Aber weiter: Die Annahme eines als ur-weiblich, aber gleichwohl dualistisch verstandenen Schöpferwesens – das ist: eines männliche und weibliche Anteile in sich vereinigenden oder zusammenführenden Grundprinzips der Schöpfung als Schöpferpaarheit kann gerade für unser Leben als Männer und Frauen sehr viel bedeuten. Sie kann ein neues Zusammengehörigkeits- und Gleichwertigkeitsgefühl hervorbringen, eine neue Einschätzung der wechselseitigen Bereicherung, ja Erfüllung von Mann und Frau, gerade auch durch ihre Unterschiedlichkeit. Und sie kann, über die leiblich-lustvoll-sinnliche Ebene hinaus, auch für unsere seelisch-spirituelle Entwicklung fruchtbar werden, da diese damit nicht mehr von Dogmen und anderen seltsamen unrealen Behauptungen und Forderungen irritiert wird, sondern auf den ganz realen und offensichtlichen biologischen Tatsachen des Lebens sowie auf dem Stand unseres heutigen wissenschaftlichen Wissens basiert.

Es ließe sich dieses Beispiel dyadischen Seins dann beispielsweise auf weitere ganz wichtige Schöpfer-Liebes-Paare“ auf anderen Ebenen unseres Daseins übertragen, die einander für einen evolutionär wirksamen Schöpfungsprozess ebenso unabdingbar brauchen und in diesem Sinne „symbiotisch“ interagieren. Ich nenne als Beispiele: bewusst-unbewusst, Geist-Materie, Intellekt-Intuition, Ich-Körperselbst, Außenwelt-Innenwelt, Kopf und Bauch. Hierher würden auch mythologische Schöpfer-Liebes-Paare gehören, die aufs Engste mit innerer Transformation und Spiritualität verwoben sind, wie: Adam und Eva, Jesus und Maria Magdalena, Shiva und Shakti, Isis und Osiris, Ishukari und Saraha und alle weiteren spirituellen Liebespaare, wie sie in der (noch matriarchalen) Götter-Mythologie zu finden sind. (Vergleiche vor allem Heide Göttner-Abendroths „Die Göttin und ihr Heros“.)

Ich habe bereits in „Das weibliche Prinzip (Yin) und Göttins bi-polare Natur“ unter diesem Menüpunkt auf die von mir geteilte Ansicht Henri Bergsons hingewiesen, dass es sich erst da um das zutiefst originäre Wesen von Schöpfung handelt, wo eine „wirklich neue Wirklichkeit“ oder seelisch-geistige Potenzialverwirklichung hervorgebracht wird. Oder auch eine wirklich neue Sicht auf die Wirklichkeit, eine paradigmatische Veränderung, ja auch technische Neuschöpfungen, deren „zeitenwandelnde Potenz“ wir gerade in jüngerer Zeit erleben.

Natürlich ist der Begriff „jüngere Zeit“ für mich etwas dehnbar, meine ich doch damit mindestens die Zeit seit dem Beginn des vorigen Jahrhunderts, speziell die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, noch spezieller meine eigene Lebenszeit seit den 50er-Jahren. Und ich denke dabei hauptsächlich an die sich ändernden Mann-Frau-Beziehungen, die gravierenden Änderungen in der Freizügigkeit seit der umwälzenden Erfindung der Pille wie auch, in den letzten zwei, drei Jahrzehnten, das immer vielfältigere Gestalten des sexuellen Lebens, der Paarbeziehungen, der sexuellen Identifikationen und aller früher geradezu undenkbaren Spielarten innerhalb des zwischenmenschlichen Miteinanders.

Auch oder gerade damit kommen wieder Bestätigungen zum Vorschein für meine Ansicht, dass Göttins Walten sich in den Zeitläufen spiegelt. Und dass die Gottheit selbst – zumindest in Gestalt Ihrer Evolution, Ihrer Geschichtlichkeit jetzt nach und nach Ihre weiblichen, erotischen Beziehungs- und Liebesaspekte, den Umgang mit der Geschlechtlichkeit (auch durch Herausstellung patriarchaler Missbräuche insbesondere auch und gerade in kirchlichen Kreisen!), ja insgesamt die Frage nach der Bedeutung von Liebe und friedvollem Miteinander gegen Macht, Kriege und patriarchale Systeme neu zu unserer Beantwortung vorlegt!!

Ich möchte zum Schluss dieses Kapitels also Göttin als schöpferischer All-Mutter ausdrücklich Sexualität und Erotik zuordnen und damit die personale, ebenbürtige Beziehung und Partner-Liebe (unabhängig von der sexuellen Identität) wieder heilen und heiligen (!). Ja ich stelle auch die Fragen nach Frieden, gedeihlichem Miteinander unter den Menschen, die Fürsorge für das Wohlergehen der gesamten Erde, ja Schöpfung allesamt in diesen Zusammenhang. Also im Großen in den Bedingungszusammenhang von Fürsorge und Liebe, im Kleineren sogar in jenen von Hingabe, Erotik und friedlich-harmonischer gegenseitiger Befruchtung.

Anmerkung

1     Durch meine Wortwahl soll hier nicht der Anschein entstehen, dass der Mann im biologischen Sinne der alleinige aktive Samengeber sei, die Frau „nur“ das passiv aufnehmende Gefäß, die „Gebärmaschine“, wie es im vorwissenschaftlichen Zeitalter noch gesehen wurde. Beide Geschlechter mischen ihr genetisches Potenzial miteinander, und auch das Empfangen und Verwerten von Impulsen ist ein hochsensibler und komplexer und sehr aktiver beidseitiger Vorgang. Faszinierend finde ich vor allem – wie in der biodynamisch orientierten Embryonalforschung erkannt –, dass selbst die biologische Herausformung des Embryos ein wundersamer interaktiv-dyadischer, überwiegend unbewusster Beziehungsprozess zwischen Mutter und Kind ist, wie es der Embryologe Erich Blechschmidt durch seine Forschungen herausgefunden hat.