LeibSein
Der gesamte kosmische Lebensprozess besteht letztlich aus einem schöpferischen Tanz zwischen Sein und Nichtsein, Leben und Sterben. Und selbst jene Menschen, denen wohl bewusst ist, dass wir hier auf Erden mittanzend unabänderlich in diesen Prozess eingebunden sind, haben, bis auf wenige, große Ängste vor dem Sterben, also vor dem, was uns mit unserem persönlichen Tod unvermeidlich ereilt. Nämlich entweder dieses absolute nichtmehr Sein oder ein wie auch immer geartetes gedachtes Jenseits.
Nach meiner Überzeugung und tiefen Erfahrung befindet sich jedoch in uns Menschen als eine Art Schnittmenge mit dem großen kosmischen Seinsganzen schon in unserem Leben „Jenseitiges“ als etwas lebendig Vorhandenes im „tiefen Innersten“ unseres Leibes, gewissermaßen als unsere wahre Mitte, als unser Kern, sowie in jeder Zelle und deren Zellkern. Es ist ein Funke oder „Teil“ jener Kraft, aus der alles im Universum geschaffen ist und besteht. Also auch unser Leib: wir! Und aus der heraus und durch die sich auch unser „materieller“ Körper unablässig neu formt, wandelt und regeneriert. Diese unsere göttliche Quelle (Ressource!)! ist eigentlich wie ein schöpferischer, lebensweiser flüssiger Feuerwirbel (ein Bild, das ich analog entsprechender kosmischer, aber auch im Inneren unserer Erde existenter Phänomene wähle).
Wenn wir uns nun, wie etwa in Jules Vernes Roman „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, auf einen „Weg“ in „unsere persönliche Erde“, also unseren Leib begeben, ist auch sie überwiegend – zumindest jenseits der bisher erforschten „Oberfläche“ – eine Reise ins Unbekannte, größtenteils Unbewusste, ja Autonome. Und natürlich haben wir dabei viel Unsicherheit und Aufregung auszuhalten, vielleicht auch mit Ängsten umzugehen.
Der „Eintritt in den Leib“ ist also der Beginn einer Art Abenteuerreise, in Teilen nach C. G. Jung als Archetypus der „Heldenreise“ bekannt. Also der „Reise“ der mutigen Heldin, des kühnen Helden auf der von mancherlei Hindernissen und Gefahren belegten Suche nach dem Schatz, unserem TiefenSelbst, der tiefsten Wahrheit über uns sowie dem Mysterium des Lebens und Sterbens.
Dieser Weg kann natürlich nur einer des Erlebens, Erfahrens, der Bewusstwerdung sein. Das aber wiederum geht nur vermittels Wahrnehmung! Und der „Modus“ eines solchen Wahrnehmens im Leib, das noch über das eher auf das Oberflächige und Außen bezogene sinnliche Empfinden des Körpers hinausgeht, ist das Fühlen! Das Fühlen oder spürende Hineinloten als Sammelbegriff für alle diese hochsensiblen Tiefenwahrnehmungen, die wir beim Erkunden unseres Inneren haben können.
Ich meine damit ein Tiefenfühlen im Sinne eines unmittelbaren, ganzheitlichen Erlebens unseres augenblicklichen Seins noch vor jeder Benennung! Vielleicht besser: was vor jeder Wortgebung oder gar Deutung dessen, was ich da „in mir“ wahrnehme, ist beziehungsweise hinter dem steckt, was ich fühle, spüre, erlebe und wie ich „mich“ fühle.
Und dieses Wahrnehmen von etwas, was von noch weiter innen oder eben „dahinter“ durch mich als Person durchtönen will, nennt der Leibphilosoph, Psychologe und Psychotherapeut Eugene Gendlin, der Begründer des sogenannten Focusing unseren Felt Sense. Wobei wir diesen englischen Begriff vielleicht in mehrfacher Weise verstehen dürfen: einmal als den schon gefühlten Sinn, der hinter dem Wahrgenommenen steckt oder dieses hervorruft. Zum anderen als Fühl-oder Spürsinn, der uns tatsächlich gegeben ist und den wir entfalten, trainieren und benutzen können, um weiter in unsere „Innenwelt“ vorzudringen. Und endlich auch als sinnhaftes oder sinnvolles Umgehen mit dem, was wir als kaum oder bis dato noch nicht Benennbares in uns aufkeimen spüren.1
Damit nun jenes von mir gerade erwähnte „Dahinter“ besser vorstellbar wird und dadurch etwas klarer, wie wesentlich ein realer Bezug – und das meint jetzt: ein vorstellbarer –zum eben Dargestellten ist, wähle ich nachher den Vergleich mit einer Zwiebel. Allerdings möchte ich, zum besseren Verständnis dieses Zwiebelschalenmodells vorab noch etwas zum Wirken des Selbst sagen.
Das Selbst als zweifach weises leibliches Wirken
Es ist ja so: Alles, was ich bewusst in meinem Leib wahrnehmen kann, ist mein Sein oder bin ich selbst, ist das Lebendige in mir. Aber nicht alles, was ich darüber hinaus tatsächlich bin, kann ich bewusst wahrnehmen, während es geschieht, geschweige denn direkt beeinflussen oder gar wandeln.
So unterliegt das Allermeiste meines Körpers der unbewussten Selbstregulation und muss von „mir“ – im gesunden Zustand –, indem ich etwa den „inneren Trieben“ wie Hunger, Durst, Atmung, Bewegung folge, immer wieder „nur“ gestillt werden. Also trinken, essen, atmen, mich immer wieder ausruhen, schlafen etc. Und auch wenn ich mein Herz klopfen spüre, kann ich an der wundervollen Kreislauftätigkeit meines Organismus nichts ändern, ebenfalls nichts bezogen auf meinen Verdauungsprozess: Die Umwandlung von Nahrung in Energie geschieht – mir völlig unbewusst und unzugänglich – von allein im Darm! Und diese sowie alle anderen Körpersysteme wirken ineinander, miteinander und werden durch das System der Grundregulation, wie man es heute nennt, von selbst (!) gesteuert! Wir können mit vielen Mitteln und auf unterschiedlichen Wegen dieses Wirken fördern, aber mehr geht nicht! Natürlich können hier auch in selbstschädigender Weise oder von außen gewaltsam Behinderungen geschehen oder Veränderungen versucht werden (siehe unten).
Durch die psychoneuroimmunologische Forschung wird immer klarer, wie immens Psyche, Seele und Beziehungserfahrungen, besonders aber mein Denken förderlich, heilend oder krank machend auf den Körper wirken. Grundsätzlich jedoch reguliert sich dieses ganze Geschehen völlig autonom und ohne unsere willentliche Steuerung. (Obwohl nicht abzustreiten ist, dass seit Menschengedenken immer wieder besonders aus religiösen Gründen versucht wird, auch diese Prozesse dem Willen zu unterwerfen (zum Beispiel von Asketen, Yogis und anderen).
Spannenderweise können wir nun auch in der äußeren Natur Parallelen zu einer solchen inneren Selbstregulation finden, etwa das zyklisch-rhythmische Werden, Blühen, Sichfortpflanzen, Vergehen, Sterben, Sicherneuern der gesamten Natur. Denn auch dieses, wie noch vieles andere, ist grundsätzlich unserem Einfluss entzogen. Wir Menschen können zwar durch Missachtung dieser der Schöpfung immanenten Weisheit größten Schaden anrichten, andererseits aber durch weises Kooperieren mit diesen Kräften der Natur, die ich ja – wir erinnern uns – längst schon als
Aus der jungianischen Tiefenpsychologie und Ansätzen humanistischer Psychotherapie und Selbsterfahrung wissen wir, dass das regulative Selbst über die Selbsterhaltung hinaus in uns die Tendenz entfaltet, auch unser seelisches, geistiges und spirituelles Wachsen und Verändern „anzutreiben“ und dazu mit uns auf unterschiedlichste Weise kommuniziert. Dieses kann nachts durch bedeutungsvolle Träume geschehen, tagsüber in unserem Wachbewusstsein durch merkwürdige „Zufälle“, die uns zum Staunen bringen, oder durch die als sinnvoll erlebte Gleichzeitigkeit (Synchronizität) zweier Ereignisse, die rational nicht erklärbar sind.
Es geschieht jedoch wesentlich auch durch unser Gefühlsleben und, wie oben ausgeführt, noch „dahinter“ durch eine Art schöpferische Schicht, deren Auswirkungen wir sehr feinsinnig leiblich spüren können!
In der asiatischen, aber auch in Teilen der westlichen Literatur2 wird nun das ganze von mir umrissene innere Wirken und Walten unser wahres Selbst – oder kurz: das Selbst, im Unterschied zum Ich – genannt. Ich schließe mich dieser Bezeichnung zwar an, gehe jedoch noch einen Schritt weiter, indem ich dieses unser Selbst seinerseits als Teilmenge eines kosmischen Schöpfungs- und Wirkzusammenhangs empfinde. Und da ich dieses große Universell-Numinose als weiblich erfahre, nenne ich es
Wenn wir uns allerdings für dieses Erleben einmal geöffnet haben, wenn wir diesen unseren Anschluss ans Transzendente, dieses geheimnisvolle, nonverbale „Göttinflüstern“ in uns einmal erlebt und als solches erkannt haben, dann dürfen wir davon, meine ich, auch als von unserer Seele sprechen. In dieser meiner Seele und durch sie in eine liebevolle Beziehung zum All-Göttlichen, insbesondere auch zu einem als weiblich verstandenen Göttlichen, also
Ich fasse noch einmal zusammen: Wenn wir nach innen in unseren Leib „hinein“spüren, finden wir dort zweierlei „Arten“ oder „Schichten“ unseres „Selbst“ und seiner Wirkungsmöglichkeiten: eine, die mehr der Arterhaltung und Aufrechterhaltung unseres Organismus, also des Körpers, dient. Die unwillkürlich arbeitet und sich nur sehr langsam und von selbst weiterentwickelt. Die aber auch zum Beispiel in Phänomenen wie Selbstheilungskräften oder unserem Selbsterhaltungstrieb zum Ausdruck kommt.
Sie betrachte ich als die erste Zone unseres oben genannten wahren (oder gesamten) Selbst und nenne es das Körperselbst.
Wir haben aber noch eine zweite Selbst-Zone gefunden. Diese ist ständig anwesend, bereit und wirkend ausgerichtet auf unsere psychische, seelische, geistig-spirituelle Verfassung und Entwicklung im Zusammenhang mit kosmischen All-Kräften. Und weil diese Zone oder „Schicht“ unseres Selbst durchaus auch im spirituellen Sinne auf Selbstfindung, Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung ausgerichtet ist, also auf unsere persönliche Weiterentwicklung und „Erhöhung“ im Sinne einer ganzheitlichen „Umfassung“ oder Hineinfindung in höchste
(Vergleiche weiter unten die entsprechende Grafik.)
Anmerkungen
1 Eugene Gendlin verdanke ich viele der hier dargestellten Einsichten. Ich bin daher der festen Überzeugung, dass seine Erkenntnisse für alle Menschen nützliche Fortschritte auf den Wegen der Selbstfindung bringen können. Gendlin hat das Focusing allerdings in einen humanistischen Kontext gestellt. Insofern erweitere ich es durch meinen jahrzehntelangen Umgang damit ins Spirituell-Seelische. Ja ich werde später den Begriff Felt Sense in SelbstSeelenGespür umwandeln, was meinem erweiterten Umgang mit Focusing entspricht. Vgl. den Text „Im Dazwischen ,liegt‘ das SelbstSeelenGespür!“ unter diesem Menüpunkt sowie den gesamten Menüpunkt SelbstSeelenGespür.
2 vgl. Alice Miller, Siegfried Essen, John Welwood, Daniel S. Barron
