Grundlegendes
Selbstverwirklichung
Eros als Lebenselixier und Transformationskraft auf dem Weg zur GÖTTIN
Am Anfang schuf GOTT den Himmel und die Erde.
Und die Erde war Irrsal und Wirrsal.
Finsternis über Urwirbels Antlitz.
Braus Gottes spreitend über dem Antlitz der Wasser.
Bibel – Übersetzung von Martin Buber
Den Weg der Selbstverwirklichung nenne ich also im Sinne C. G. Jungs eine Heldenreise, die ja auch der oben schon erwähnte Parzival schließlich auf heldenhafte Weise vollendete und die ihn zum Gralsfinder und Gralskönig machte. Jung spricht entsprechend von einem Archetypus des Helden, was bedeutet, dass sich jede und jeder, die oder der sich auf diesen Seelenweg begibt, wiederum auf den Archetyp des Weges begeben hat, auf welchem er eine Art Individuationsreise zu machen hat, letztlich, um sich selbst, sein wahres Selbst, ja den Sinn des eigenen Lebens zu finden. Also dass diese Reise analog jeder und jedem von uns beschieden – oder aufgetragen – ist, die oder der sich auf die Suche nach mehr Wahrheit über sich selbst macht.
Es ist eine je eigene und persönliche innere, aber auch in vielen Aspekten im Außen zu lebende Reise, die ein Wollen und einen Willen braucht, also ein starkes Ich.1 Diese Reise, dieser Weg bedarf von Beginn an der Entschlossenheit, der Entschiedenheit, der Entscheidungsfähigkeit. Das heißt, eine solche Reisende oder ein solcher Reisender braucht immer wieder Mut und viel Geduld, auch mit sich selbst. Denn dieser Weg ist manchmal steinig, beinhaltet auch Rückschläge und Umwege. Er verläuft nicht linear, sondern spiralig und in sich verwoben. Und die meisten seiner Zustände, Etappen, Stadien oder Stufen können sich parallel zueinander entwickeln. Sie können einander scheinbar widersprechen, sich gegenläufig bewegen, scheinbar im Kreis verlaufen und uns bisweilen arg frustrieren. Sie können sich aber wiederum auch wechselseitig vielfältig unterstützen.
Natürlich ist es schon ein Geschenk, ja eine Art Gnade, wenn man die Reife erreicht hat, dass man überhaupt an den Beginn dieses Weges gelangt ist. Für den Weg selbst aber, der nun vor einem liegt, gibt es ein weiteres, geradezu unermessliches Gnadengeschenk von
Ja: Eros ist vielleicht GöttinS größtes Geschenk an die Menschheit überhaupt!
Wieso? Vielleicht, weil Eros eine aus dem Selbst stammende feurige, leidenschaftliche Kernkraft ist, eine natürliche, evolutionäre und immer auch revolutionäre Treib-, Zug- und Binde-Kraft, die uns unsere Entwicklung und unser Wachsen mit Lust und Freude genießen lässt. Die, wenn wir uns ihr hingeben und uns von ihr führen lassen, entscheidend dazu verhilft, dass wir unser Potenzial liebend und liebevoll verwirklichen können und nicht, wie so oft, erst aus leidvoll Erlebtem.
Ich finde es fast schon zu pathetisch, sage es aber dennoch: Der Besuch von Eros kann bewirken, dass durch ihn eine Art höheres Klang-Farb-Spektrum, vielleicht sogar überhaupt erst die erhebendste Klang-Komposition unserer Lebensmusik zum Schwingen und Tönen kommt, die uns hineinspült in die Fluten einer Art himmlischen Orgelbrausens und Jubelns und so unseren Tanz von Yin-Yang in eine Art Tempeltanz zu Ehren der
Was ist denn aber nun dieser Eros?
Ich meine damit die in uns vorhandene Fülle der natürlichen Liebeskraft, die uns, wenn sie uns „befällt“ – beziehungsweise wir uns für sie öffnen –, wiederum als archetypische Ur-Energie, gemäß ihrem Wirkpotenzial, also ihrem natürlichen Wesen, ganz von sich aus geradezu revolutionär-evolutionär verlebendigend zieht und treibt!
Leider wurde aber diese Kraft, anstatt das Potenzial dieser Ur-
Nein: Eros ist im Gegenteil unsere Lebens-, Liebes- und Schöpferkraft. Er ist der Energie- und Wirkaspekt unseres menschlichen LeibSeins.
Es ist daher mein tiefster Wunsch, ja ich empfinde es als eine der wichtigsten und zentralsten Aufgaben meiner Berufung, diese Kraft, also Eros, als göttliche Wirkenergie zu rehabilitieren. Und daran mitzuarbeiten,
Für eine solche grundsätzliche Rehabilitierung von Eros ist es entscheidend, zu verstehen, dass es sich bei ihm um den wichtigsten Gegenpol zum Logos, dem männlich-geistigen Schöpferprinzip, handelt. Denn überall dort, wo Eros im Spiel ist, geht es um eine weibliche Spreng- und Schöpferkraft, die Lebendiges, Liebevolles und eine neue Wirklichkeit erschafft! Ich möchte sie insofern sogar als archetypische weibliche Führungskraft auf unserem Heilsweg bezeichnen. (Und die bildlichen Darstellungen des Eros/Amor als geflügeltes, also himmlisches Wesen, als „Engelchen“ oder eine Art Hermes in Liebesdingen zeigen ja auch seine seit den Frühzeiten so verstandene „himmlische“ Herkunft.)
Ein bewusster Umgang mit dieser archetypischen Liebeswirkkraft kann als eine Art „leiblich-spirituelle Magie“ verstanden werden, insofern wir diese Kraft als Helferin für unsere Entwicklung einladen können und lernen können, uns zu trauen, uns ihrer Wirkung hinzugeben.
Ja ich will sogar noch einen Schritt weitergehen. Denn: Ich möchte – gemäß einer weiblichkeitsgemäßen Sprache – an Stelle vom doch männlich konnotierten Eros – lieber in dem von mir dargelegten Sinne von „Erotik“3 sprechen. Und nenne diese, über das gerade Gesagte hinaus, sogar die wichtigste Helferin – eigentlich den wichtigsten „Hebel“, um das Patriarchat nach Jahrtausenden von seinem Thron zu stürzen!
Liebe sehe ich als die Urmotivation aller Schöpfung an, und ich erkenne in der so verstandenen Erotik ihren Energieaspekt, der in den Wesen Liebe entzündet, sie dadurch in Bewegung bringt, zusammenführt und aus den Polen Neues, und zwar wirklich Neues, entstehen lässt! Insofern ist sie Sprung-, Spreng- und Wandlungskraft in einem.
Dabei erkenne ich als noch hinter all diesem wirkende, ja wahrscheinlich es sogar erst evozierende Kraft das, was im klassischen Sinne als Agape verstanden wird. Nämlich die Liebe des Göttlichen – von
Beide Liebesenergien also sind es, die aus Altem heraustreiben, auch aus allen zu eng gewordenen Ich-Zuständen, aus allen uns angewöhnten und aufgezwungenen Entfremdungen, und uns mal behutsamer, mal abrupter hindrängen zu dem, was uns anzieht, bereichert, fasziniert und wachsen lässt. Und beide sind unsere eigentlichen Beziehungskräfte, und zwar als sowohl bindende als auch – aus Altem – lösende Wirkenergien!
Erotik, von der ich ja im Wesentlichen hier spreche, ist ausgerichtet auf Nähe. Auf Begegnung. Auf Liebe! Auch natürlich auf körperliche Nähe und Erfüllung. Und darauf, den anderen in seinem wahren Sein zu erkennen! Sie zieht uns damit stets in die Gegenwart, ins Hier und Jetzt. Und da sich entsprechende geistliche Lehren in ihr erfahren lassen, ist sie damit eine wirkliche und wirkende spirituelle Kraft!
Eros könnte auch als das Lustprinzip bezeichnet werden, also als die Kraft, die Sigmund Freud und C. G. Jung auch als Libido bezeichnet haben.
Als die Kraft des Mag zeigt sie sich über leiblich gefühltes Mögen, über das, was uns mag-netisch und sinnlich anzieht und schmeckt!!! Spirituell gesehen ist es die Kraft des Numinosen, des Faszinosums! Auch eine Aufrüttelungskraft, eine Erschütterungskraft, die Kraft, die uns erleben lässt, dass es ein Wirken gibt, welches über unser kleines Ich hinausgeht und letztlich Einheit erschafft und uns in dieses Erleben hineinver-führt! Die uns dadurch aus dem Kopf in den Leib treibt, ins Fühlen, ins Spüren und damit in die Gegenwart!!! In eine Gegenwart als ein leibliches, ein geschlechtliches (!) Präsentsein!!! Eine Kraft, die uns anturnt, belebt, indem sie unser Energieniveau anhebt, unsere Bereitschaft zur Vereinigung, zum Zueinanderfinden. Und die uns über unsere natürliche Sehnsucht nach Berührung zur Nähe, zur Vereinigung drängt!!! Und dadurch wiederum zur biologischen oder auch spirituellen (Re-)Inkarnation!!!
Eros oder eben Erotik kommt ja, so gesehen, auch in aller Natur vor als kosmisch-schöpferische Lebensenergie, die das Leben, ja das ganze kosmische Werden und Vergehen aufrechterhält. Sie wird für uns spürbar und sichtbar in der Frühlingskraft, die alles keimen, sprossen und sprießen und schließlich wieder blühen und vergehen lässt. Die nach jedem Winter wieder neues Leben und Wachsen erschafft im ewigen Kreislauf. Naturbezogenen Eros erleben wir auch in solch magischen Momenten wie der uns oft tief berührenden Schönheit von Sonnenuntergängen und anderen Lichtphänomenen, einer plötzlich erlebten inneren Weite, einem Vogelgezwitscher, Bachgeplätscher oder im rauschenden Sprühen eines Wasserfalls. In einem tiefen Einatmen in den Momenten unseres Gewahrwerdens eingebettet, Teil zu sein dieser Fülle der Schöpfung und unseres Daseins.
Ein solcher Zustand, der mir und hoffentlich vielen Menschen manchmal geschenkt wird, kann als leicht ekstatisch oder als ein numinos anmutendes rauschhaftes Ergriffensein erlebt werden – mit allen Abstufungen der Intensität dazwischen. Und entsprechend schreibe ich jetzt:
Wir erkennen ihn daran, dass wir uns beflügelt fühlen, energetisiert, beschwingt, euphorisch angeturnt, begeistert, inspiriert. Auf Neues erpicht, spielerisch, freudig, auch aktiv; initiativ, neu-gierig, interessiert, voller Schaffensfreude …
Eros ist unsere Lebendigkeit – unsere leibliche Ausstrahlung, Anziehungskraft, Präsenz!
Eros ist immer leiblich resonierende Liebe. Und deshalb heißt, erotisch zu leben, dem zu folgen, was mich anzieht. Sinnlich und sinnenhaft zu leben, auch übersinnlich, spirituell erfüllt, affiziert zu sein! Vielleicht auch umtriebig oder herumschweifend!
Es heißt, wenn ich mich erotisch anziehend fühle, dass ich mich lebendig in meinem LeibSein (!!!) fühle. Neugierig bin, beziehungsfreudig, begegnungsbereit. Dass ich es wage, mich zu zeigen, mich sehen zu lassen, fleischlich zu sein. Meine Gefühle zu zeigen, Freude auszudrücken, zu machen, was mir Lust und Freude macht. Dass ich meinem „Mag“ folge!
Und, ganz wichtig: da solches meistens unwillkürlich, also nicht willentlich gesteuert geschieht, ja eigentlich nur so geschehen – also geschehen gelassen werden – kann, zeigt sich bei alldem ein unabweisbarer Zusammenhang von Eros mit göttlichem Wirken aus dem Unbewussten! Ja letztlich: ein Wirken göttlicher Liebeskräfte in uns.
Dieses Wirken – und deshalb auch mein oder C. G. Jungs Sprechen vom Archetyp des Weges –folgt einer Entwicklung: vom Sexualtrieb zu „Divine Eros“ (A. H. Almaas) oder erotisch getönter Agape.
Und so wie Letztere muss auch der Divine Eros, also die göttliche Kraft der Liebe, nicht sexuell sein. Amors Pfeil – oder der Pfeil der göttlichen Pfeilmacherin Ishukari – trifft gleichwohl immer ins Fleisch. Zielt auf den Leib und wirkt immer leiblich!
Das bedeutet also zusammengefasst: Agape und Eros vereint helfen uns, die
Um Neues auf die Welt zu bringen, brauchen wir
Ja der Menschheit überhaupt und der Erde.
Denn das ist wohl nunmehr einsichtig geworden: Nur dies, also die Wiederbesinnung auf und das Wiederspüren, die Wiederbelebung von
Anmerkungen
1 In meinen Texten, also meinem weiblich spirituellen Paradigma, spreche ich weiterhin von einer Heldenreise, weil das „starke Ich“ – geschlechtsunabhängig – dem entspricht, was mythologisch ausgedrückt einen Helden oder eine Heldin ausmacht. Es entspricht im Verhältnis zum Selbst dem Yang-Teil unseres Wesens.
2 Literatur: zum Beispiel die Bücher von Gertrude Crossier.
3 Mit dem weiblicheren Begriff „Erotik“ meine ich allerdings hier nicht, wie üblich, die sinnlich-sexuelle Liebe und Praktiken in diesem Zusammenhang, sondern die erotisch leibhaftige Ausstrahlung oder Anziehungskraft eines Menschen und die erhebende, beflügelnde Wirkkraft zwischen zwei Menschen oder allgemeiner zwischen Yin und Yang und den besonderen „Tanz“ oder „Flug“ oder die besonders animierende, ja beseelende oder inspirierende Qualität einer Begegnung, die entstehen kann, wenn
Zudem möchte ich noch betonen, dass solche quasi-analytischen Trennungen (Eros/Erotik z.B.) nur beschreibende Versuche sind von etwas, was eigentlich gar nicht exakt getrennt und eben auch nicht „chirurgisch“ in unterschiedliche Begriffe gepackt werden kann.
