LeibSein
Als Menschen sind wir zwar Gemeinschafts- und Kulturwesen, zuallererst aber sind wir aus männlichen und weiblichen Anteilen gemeinsam gezeugte, in der Regel im Mutterleib heranreifende und mütterlich geborene, lebendige, primär fühlende Naturwesen!
Unser menschlicher Körper ist unsere Natur! Aber nur beim Menschen spricht man auch von einem Leib! Und damit drückt man aus, dass dieser Leib eine Ganzheit von Organismus/ Körper (Soma), Geist und Gefühlsebenen ist. Und damit, schöpfungsgegeben, eine untrennbare Einheit von sich gegenseitig bedingender und ausdrückender Biologie, Energie, Liebe und Bewusstsein.
Die Maxime ist also: Wir haben einen Körper, aber wir sind Leib ganz und gar!
Noch einmal: Mensch zu sein, ist ein biologischer Gattungsbegriff. Und wie jedes Lebewesen haben wir einen Körper. Leib zu sein dagegen – nicht zu haben!, sondern zu sein! – ist eine phänomenologische Tatsache und ein spiritueller Seinsbegriff, insofern Leibhaftigkeit weit über unser Menschsein als materielles, biologisches Lebewesen mit Herz, Geist und Verstand, hinausweist – hinein ins Seelische und damit in den Bereich des göttlich Schöpferischen, also in etwas Jenseitiges, etwas Transzendentes.1
Uns zu heilen und ein neues, auch postpatriarchales Paradigma und, daraus folgend, ein neues Gestalten von Wirklichkeit zu kreieren, verlangt, dass wir mehr und mehr lernen, in Ganzheiten zu denken. Das aber wiederum heißt, auch uns selbst als Ganzheit zu erkennen und zu empfinden. Was aber bedeutet, dass wir uns nicht nur begrifflich als Leib-Wesen anerkennen, sondern, dass wir auch lernen, uns als solche leiblichen Wesen zu erleben, uns in unserer Gesamtleiblichkeit zu spüren und auszudrücken. Und sowohl uns selbst als auch jeden anderen Menschen als eine solche Ganzheit wahrzunehmen und zu behandeln! Denn allein sie schafft bereits neue Umgehens- und Verhaltensweisen und in diesen neue Wirklichkeiten.
Selbst in dieser leiblichen Ganzheit zu leben und uns und alle anderen in ihr zu erfahren, bildet nicht nur die Grundlagen für ein neues Selbstverständnis, sondern auch für ein neues Verständnis der anderen. Und ist damit auch die Basis für weiteres persönliches sowie menschheitliches Wachstum, insofern es nur dadurch gelingt, persönliche, gesellschaftliche, also kulturell wie geschichtlich entstandene Falscheinschätzungen, Entfremdungen, Kränkungen und Missverständnisse aufzulösen!
(Man könnte ja nun in Bezug auf uns selbst fragen: Wenn diese Ganzheit doch unsere Natur ist, wieso sind wir ihr dann so weit entfremdet, dass wir über uns quasi in den Einzelteilen Körper, Geist, Gefühl denken, die wenig miteinander zu tun haben? Und manchmal auch nicht erkennen, wenn andere aus anderen dieser Ebenen heraus denken oder handeln als wir selbst es gerade tun. Für die Antwort verweise ich auf vieles, was ich zu solchen entwicklungsgeschichtlichen Prägungsursachen in den vorherigen Menüpunkten gesagt habe und in weiteren noch sagen werde.)
Jedenfalls gilt also unabdingbar: Wir sind Leib. Wir haben einen Körper, aber wir sind (ein) Leib. Allermeist sind wir uns dessen aber nicht bewusst, geschweige denn wirklich fühlend gewahr. Denn sonst – also falls es uns gelänge, ständig leibesbewusst zu leben – würde das eine grundlegende Verlagerung unseres Identitätsgefühls und unserer Aufmerksamkeit bewirken! Im Rahmen unseres materialistischen und „Natur“-wissenschaftlich orientierten Selbstverständnisses sind wir jedoch mehr mit unserem geistigen, denkenden „Ich“ identifiziert, das sich eher im Kopf/Gehirn beheimatet fühlt und „seinen Körper“ als „notwendiges, oft sogar sündenbelastetes Übel“ oder Anhängsel wahrnimmt. Und das gilt ähnlich auch für unsere Gefühls- und Triebwelt, insgesamt für das Bewusstsein, dass zwischen diesen einzelnen Aspekten unseres ganzen Wesens beständige Kommunikation und Interaktion stattfindet.
Körperlich unterscheiden wir uns, wie auch andere Hominiden, zwar durchaus recht stark von den allermeisten Tieren, natürlich auch von Pflanzen und Mineralien, also der sogenannten „äußeren Natur“. Vor allem unsere abendländische Kultur hat sich jedoch so entwickelt, dass wir das, was an uns noch „tierisch“ oder „triebhaft“ aussieht, eher ablehnen, verbergen oder als minderwertig einstufen, weil wir es eben letztlich doch mit gewissen Tieren gemein haben (Körperbehaarung, sexuelles Begehren, aggressive Reaktionen, Dominanzverhalten). Und diese Tatsache für viele unsere „Menschlichkeit“ kränkt (vom grundsätzlichen Unterschied im Verständnis dieser Frage zwischen Darwinisten und beispielsweise fundamentalistischen Christen ganz zu schweigen).
Andererseits erwähnte ich bereits, dass der Begriff „Leib“ ausschließlich dem Menschen vorbehalten ist und eben eine Ganzheit meint. Also den (äußeren) Körper mit allem, was er „trägt“ und hervorbringt, also auch sein Gehirn mit seinen Funktionen, die Sinnes- und anderen Wahrnehmungsorgane und deren Sinneswahrnehmungen, unsere daraus entspringenden Sehnsüchte und Wünsche, Bedürfnisse, Empfindungen, Intuitionen. Also all unser Denken, Innenleben und Erleben. Oder, anders gesagt: Geistiges, Seelisches und Spirituelles. Es ist eben nichts an uns ausgenommen oder irgendein „Sonderbereich“. Weder bestimmte rein körperliche „Eigenschaften“ oder „Funktionen“ noch unser unermessliches Wahrnehmungs-, Erkenntnis-, Fühl-, Liebes- und Schöpferpotenzial. Denn all das zusammen ist unser Leib und in ihm und durch ihn unser uns von den kosmischen Schöpferkräften zur Verwirklichung gegebenes Wesen.
An dieser Stelle wäre es „ganz hübsch“, eben diese Funktionen jetzt besser zu gebrauchen: also körperlich sitzend und lesend über das Sinnesorgan Augen das Gesagte aufzunehmen, zu erkennen, dass es tatsächlich so ist, es also geistig zu erfassen, schließlich zu versuchen, es auch zu spüren, also fühlend zu erleben. Zu versuchen, sich selbst jetzt und weiterhin anders – und dadurch auch anderes – zu erleben, zu erfahren und demgemäß auch willentlich und bewusst zu handeln.
Letzteres halte ich sogar für eine der tiefsten Aufgaben in unserem Leben!
Nicht nur aus meinem ureigenen Erleben, sondern auch durch die Beschäftigung mit der großen Mystikerin, Visionärin, Heilkundlerin und Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen und ihrer Visionsschrift „Scivias – Wisse die Wege“ ist mir noch einmal sehr klar geworden, dass es für dies alles jedoch immer wieder sowohl eine geistige Erneuerung als auch eine Wegeleitung aus tieferen geistig-seelischen Schichten als denen des Verstands braucht. Und dass es die auch gibt! Und dass die Qualität dieser inneren Führung ganz eng mit dem Verwirklichen unserer Leibganzheit zu tun hat, ja gerade aus dieser erst zu erwachsen scheint und mit ihr zur Blüte kommt.
Es ist auch zu bedenken, dass unser Körper sowohl in positiver – also heiler – Weise wie auch in „negativer“ – zumindest unwohler – Weise reagiert, je nachdem, ob wir uns vor dem tieferen, ich sage mal: schöpferischen LeibGeist oder heiligen Geist und seinem Verlangen nach Ausdruck öffnen oder verschließen. Verschließen oder, was aufs selbe hinausläuft: verweigern, indem wir weiterhin überwiegend unserem rational geprägten „Ich“ mit seinen ihm gewissermaßen eingeimpften Vorstellungen, seinem angeeigneten und auch körperlich gespeicherten Wissen sowie dem folgen, was wir für unsere Vernunft halten.
Meine Erfahrung ist, dass auch der schöpferische Geist sehr leibgebunden wirkt. Dass wir also nur in und durch unsere gesamte Leiblichkeit aus der unerschöpflichen – ich sage: der göttlichen Quelle allen Seins schöpfen können, wenn wir dieses Tor einmal gefunden und geöffnet haben.
Anmerkung
1 Von nun an werde ich nur noch vom Körper sprechen, wenn ich den biologischen, materiellen Körper meine.
