LeibSein
Bei all den jahrhunderte-, ja oft jahrtausendealten Prägungen, denen die Menschen im Laufe der Zeiten ausgesetzt waren, kann ich nun nicht behaupten, dass es nur einen einzigen Schlüssel zum Tor zu unserem wahren Selbst gäbe. Dennoch bin ich sicher, dass auf jeden Fall ein Weg zu jenem Tor über die Entfaltung unserer Liebes- und der damit gegebenen Schöpferkraft führt.
Die Basis für diese Überzeugung bildet die Tatsache, dass bis heute jeder Mensch, ja die gesamte Gattung Mensch (wie auch sehr viele andere Lebewesen!) (bisher!) nur und ausschließlich als geschlechtlich verkörpertes Wesen, nämlich meistens als männliches oder weibliches (seltener als diverses), gezeugt und geboren worden ist und existiert!
Das aber heißt, dass unsere Leibhaftigkeit von Anbeginn an eine geschlechtliche ist und damit physiologisch und funktionell gesehen auch eine erotisch-sexuelle. Und dass diese Geschlechtlichkeit innerhalb der Gesamtheit Leib weit über die entsprechenden körperlichen Organe und deren Funktionen zur Arterhaltung hinausgeht! Daraus aber wiederum folgt, dass, wie ich zeigen werde, das Phänomen des Erotisch-Sexuellen in einem sehr umfassenden Sinn auch für unsere gesamtpersönliche Weiterentwicklung und höchstmögliche Potenzialentfaltung eine Rolle spielt. Und nicht nur unsere persönliche schöpferische Verwirklichung, sondern auch alle kulturelle und spirituelle Evolution wesentlich befördert und gewährleistet. Ja insgesamt nahezu eine natürliche Voraussetzung für jede echte und fruchtbare Lebensweise darstellt. Und dass demnach die Ignoranz gegenüber dieser Tatsache hinsichtlich unserer Wesenhaftigkeit, also des Erreichens unseres Verwirklichungszieles, – eine Ignoranz, wie sie nicht zuletzt auch in vielen Religionen gelehrt, ja sogar gefordert wird – zumindest fragwürdig, wenn nicht gar kontraproduktiv ist!!
In seiner Geschlechtlichkeit, deren Bedeutung sich ja schon in der Frage „Junge oder Mädchen“ im Moment der Geburt zeigt, ist der Mensch eine Verkörperung des männlichen und weiblichen Prinzips, das ich sehr gerne auch das Prinzip von Yin und Yang nenne, um jene kosmische Dimension und Gültigkeit zu bezeichnen, die letztendlich doch nicht mehr mit unseren herkömmlichen Begriffen Geschlechtlichkeit, erotisch oder sexuell zu benennen ist. Denn als kosmisches Ur-oder Grundprinzip der Anziehung und Abstoßung, der Energieflüsse, der leichten und schweren Wechselwirkungen und von vielem mehr zeigt es sich doch letztlich in aller Schöpfung und auf allen Ebenen des Seins. Ja es ist wohl mit dem Schöpferischen generell identisch, zumindest, wenn man dabei solche anthropomorphilen Analogien wie Zeugen, Hervorbringen, Erschaffen gestattet. (Und was ja zum Beispiel auch schon die jahrtausendealte Lehre des Hermes Trismegistos im Rahmen der Philosophia perennis, der ewigen Philosophie, verkündet.)1
Zusammenfassend sage ich: In unserer Leiblichkeit, unserer Geschlechtlichkeit und damit in unserer erotisch getönten Liebesfähigkeit und Sexualität verkörpert sich im wahrsten Sinne des Wortes, also wirklich und tatsächlich, das höchste Göttliche in seinem und unserem (!) SchöpferWesen.
An dieser Stelle möchte ich nochmal betonen: Ebenso, wie man sich nicht zu einer wahrhaftigen SelbstSeelen- und
Denn genau deren Ablehnung beziehungsweise rigide Einhegung war stets – und ist noch heute – der mächtigste Hebel für Kulte, Religionen und Gesellschaften, ihre patriarchalen und Macht-orientierten Strukturen, insbesondere der Unterdrückung der Frauen, zu verwirklichen und aufrechtzuerhalten.
Leiblichkeit und Weiblichkeit
Weiblichkeit ist grundlegend und lebenslang stark an die lebendige Leiblichkeit von Frauen geknüpft und mit ihr innigst und unmittelbar verwoben. Sowohl über die Gestalt des weiblichen Körpers als auch die darin gegebenen Funktionen ist Frau-Sein, also Weiblichkeit, unmittelbarer Ausdruck schöpferischen Potenzials. Durch dieses ihr leibliches Sosein steht für Frauenwesen alles, was mit ihrer Gebärfähigkeit und der entsprechenden Nachwuchsfürsorge, der Liebe und dem Energie-Weisheitsaspekt der immanenten und damit inneren Natur zusammenhängt natürlicherweise wesenhaft im Vordergrund. Dadurch ist aber jedes weibliche Leben im Wesentlichen mehr Seins-gegründet und mehr zyklisch-prozesshaft als männliche. Dieses ist, auch wenn es gesamtleiblich voll integriert ist, das heißt, auch seine weiblichen (Anima-)Aspekte entfaltet hat, wohl doch stärker zielgerichtet, rationaler und nach außen orientiert.
Da nun der Kosmos ein ewiges Werden und Vergehen darstellt, also ein ständiges Erschaffen, Gebären ist – wobei auch das Vergehen in diesem Sinne einen Aspekt innerhalb dieses Schaffensprozesses darstellt und keinesfalls eine absolute Nichtung ist –, empfinde ich auch das ewig Schöpferische allen Seins als etwas Weibliches und nenne es nicht mehr mit männlichen Implikationen (Herr) GOTT, sondern (Frau)
Ich könnte auch sagen: Da ich in diesem kosmischen Urprinzip eine universelle „Verkörperung“ und zumindest analogisch eine zulässige Identifizierung mit dem alles gebärenden Weiblichen hier auf der Welt empfinde, spreche und fühle ich dieses Prinzip als ur-weiblich. Als Schöpferweisheit: Sophia, eben als
Aus diesen Analogien leite ich also ab, dass Sie sich über das weibliche Sein insgesamt, insbesondere und am umfänglichsten aber im Menschen und da wiederum über den Leib der Frau selbst, in ihrer Eigenartigkeit ausdrückt. Dass sich derart das tiefste Mysterium des Schöpferischen, des sich ständig wandelnden und schöpferischen Lebens nirgends so identisch wie im weiblichen Körper ereignet. Und dass so wiederum der direkteste und unmittelbar erfahrbare Zugang zur Göttlichkeit, zur Quelle von allem, besonders der Frau durch ihre Natur, ihre weibliche Leibhaftigkeit gegeben ist.
Dass diese Energie-, Lebens- und Weisheitsquelle auch – aber anders geartet und wohl nie ohne einen tiefen Erkenntnis-, ja Resonanz- und Vereinigungsprozess mit allem Weiblichen – auch für den Mann erreichbar ist, erscheint wegen der auch ihm gegebenen weiblichen, also Anima-Anteile evident. Klar dürfte aber auch sein, dass sie uns Frauen eben wegen unserer direkteren Nähe zu den kosmischen Grundprinzipien leichter zugänglich ist. Wir Frauen also dadurch vielleicht prädestiniert sind, diesen Zugang uns bewusst zu machen und dann, aus dieser Wesensnähe heraus, sogar gewisse Führungsaufgaben übernehmen können, wenn es um das Hinführen zu diesem leibimmanenten schöpferischen Wirken geht.
Zur Eigenart des Weiblichen gehört, dass aus und in der leiblichen Substanz der Frau, also ihrem Körper, neues Leben entsteht und dass alle die in diesem Zusammenhang wertvolle Weisheit ihr quasi in ihre „Leibsubstanz“ oder „persönliche Essenz“ bis in die tiefsten Schichten natürlicherweise eingeprägt ist und von ihr gewissermaßen instinktiv gehändelt werden kann.2
Der permanente Wandel allen Seins und damit der schöpferische Prozess allen Lebens spiegelt sich prozesshaft in einzigartiger Form im weiblichen Körper und insgesamt im leiblich-liebevollen Zusammenwirken von Mann und Frau.
Das, was zwar für Männer und Frauen gleichermaßen in den tieferen Schichten des Körpers erfahrbar ist, ist das, was dem Weiblichen vom Wesen her entspricht und, wie ich eben andeutete, vom Mann vorrangig über die Frau und weniger – obwohl schon auch – über die Versenkung in seine eigene weibliche Seite erlebbar und erkennend bejabar wird, weil dieses Erfahren für den Mann weniger leiblich und dadurch unkonkreter ist.
Dem uns allen angeborenen innersten Wesen, das wir über Leibeserfahrungen verwirklichen können, möchte ich aufgrund meiner eigenen Erfahrung vor allem drei Prinzipien des Lebens zuordnen, die wir auf der körperlichen Spür-Ebene, auf der seelischen Gefühlsebene und der spirituellen GeistEnergie-Ebene bewusst erleben können:
* das Prinzip des permanenten Wandels und der Transformation allen Lebens in seinem Eros-Energie-Feuer-Aspekt
* das Prinzip der verbindenden, inkarnierenden Liebe, sowohl in ihrem empfänglichen, aktiven, erotisch-ekstatischen als auch in ihrem mütterlichen Gebär-, Schutz- und Nähr-Aspekt.
* das Prinzip der Lebens-, Liebes- und Schöpfer-Weisheit, also die der Natur immanente Heilige Geistin Sophia, das uns persönlich führende und auch visionäre, schöpferisch immanent Seelische.
Anmerkungen
1 Das ist vor allem nachzulesen im Buch des Sufi-Lehrers Llewellyn Vaughan-Lee: Die Matrix des Lebens – Das heilige Weibliche und die Wandlung der Welt, Freiburg i. Breisgau 2011.
2 Kybalion – Eine Studie über die hermetische Philosophie des alten Ägyptens und Griechenlands, Heidelberg.
