GöttinVerwirklichung

Eros: unsere göttliche Wandlungs- und Führungskraft

So herrsche denn Eros, der alles begonnen.
Goethe: „Faust II“

Der Eros des Seins berührt uns und führt uns!

Eros ist aus meiner Sicht die zentrale der Liebeskernkräfte oder das leidenschaftliche Feuer von Göttin in unserem Innern, der Elan vital, wie ihn Henri Bergson nennt, per se! Und auch die bisher am wenigsten verstandene, am meisten missachtete, degradierte, religiös verpönte, ja geradezu verteufelte göttlich-menschliche Schub- und Führungskraft (!) unseres Lebens und unserer Entwicklung!

Bisher wird ja Eros meistens mit sexueller Lust gleichgesetzt und schnell mit „Eros-Zentren“ assoziiert, also ins Rotlichtmilieu verfrachtet und damit zutiefst entwertet.

So wird Eros seiner dem Leben dienenden Vitalkraft und vor allem seiner beschwingenden Wirkung auf uns beraubt. Diese sehe ich darin, dass er alles, worauf er sich bezieht, mit einer geheimnisvollen Vorantriebkraft versieht, mit einer Schwungkraft, die wir zumindest als Interesse und Motivation und dadurch als beflügelnd, ja letztlich als bewusstseinserweiternd und lustvoll erleben können.

Bereits bei den „alten Griechen“, etwa bei Hesiod (vor 700 v. Chr.) oder Parmenides (um 500 v. Chr.) wird Eros als kosmische Urkraft, als Welt erschaffende und Welt erhaltende Urmacht verstanden. Und selbst wenn sich dann, etwa in der Nachfolge Platons, der Akzent eher in Richtung des heutigen Verständnisses verschoben hat, so ist Eros in der Philosophie doch immer noch in ersterem Sinne gängig, ja wird sogar auch als ethisch-moralischer Begriff oder im politischen Sinne etwa wie Freiheitsliebe und damit in großer Nähe zu Ethos verstanden.1

Erotische Energie ist auf jeden Fall ihrem Wesen nach jene Schub- und Ziehkraft, die jeglichem intensiven Streben die Intensität gibt, die uns immer wieder neu aus dem Bekannten oder auch aus beengenden Verhältnissen, ja sogar aus geistigen Überzeugungen hinauskatapultieren kann und dazu drängt, uns Fremdem und Neuem zu nähern. Sie ist diejenige Kraft, die uns zu Schönem hinzieht, uns fasziniert sein lässt auch von etwas, das uns „nur“ numinos ergreift, schlicht: die uns von etwas „angeturnt“ sein lässt.

Diese erotische Wirkkraft könnte man auch als Bewegungs-, Energie- oder Kraftaspekt, ja als Drangaspekt im Bereich der dreieinigen Liebe bezeichnen. Indem sie das, was sich „mag“ oder anzieht, aus sich selbst heraus und in ein wechselseitiges Beziehungs- und Beeinflussungsverhältnis treibt. Sie kann sie dazu bringen, sich miteinander zu mischen, einander gar zu durchdringen, zu schwingen und zu fliegen, sich resonierend aufeinander einzuschwingen, bis in ekstatische Begegnungen, ja sogar in Momente des Verschmelzens, des Einswerdens, um sich danach eventuell befruchtet, erneuert und wie wieder-geboren wiederum zu einzeln.

Er, Eros, ist also das vibrierend oszillierende, das rhythmische uns antreibende, tänzerische, ja feurig-leidenschaftliche Element unseres Lebens. Und wenn er auch, wie sein lateinisches Pendant Amor, oft als eine Art Putte mit Pfeil und Bogen dargestellt wurde, die hinter einem Vorhang oder sonst wo hervorlugt, so ist damit ja nur sein oft überraschendes, aber doch treffsicheres Wirken „wie aus dem Nichts heraus“ gemeint.

Erotisch getönte Begegnungen sind doch so oft auch ein Geschenk „von außen“, sind „Zufalls-Produkte“, die wir nicht willentlich herstellen. Allenfalls können wir „bereit sein“ und sie entstehen und geschehen lassen. Insofern wirkt Eros oftmals geradezu anarchisch. Er kann uns, wenn wir nicht, aus welchen Gründen auch immer, dagegenhalten, manchmal kräftig durcheinanderwirbeln und geradezu „um den Verstand bringen“ und zu Dingen veranlassen, die wir nie von uns geglaubt hätten. Dabei kann er sich auf allen Ebenen unseres Daseins „manifestieren“: als sexuelle Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern, als Faszination beim Anblick eines Sonnenuntergangs, bei der Begegnung mit einem Kunstwerk, als Neugier, als Interesse an einer Person oder als leidenschaftliches Engagement für eine Sache, die uns am Herzen liegt. Wir erleben ihn als Begeisterungsfähigkeit, wenn wir von etwas ins Schwärmen geraten, er macht uns zu Fans und Besessenen und er beflügelt uns manchmal in unstillbarer Sehnsucht nach höchster Erfüllung.

Schon dieses Wort „beflügelt“ drückt nun aber etwas aus oder lässt in uns zumindest unbewusst etwas anklingen, was uns dem Irdischen, alltäglicher „Beschwer“, dem Profanen ent„hebt“. Was uns in eine – wenn nicht „himmlische“, so doch „höhere“ Sphäre – bringt. Und tatsächlich ist es die in früheren Zeiten immer wieder vergöttlichte Kraft des Eros, die es vermag, uns zumindest in eine beglückende, wenn nicht gar „himmlische“ Stimmung zu versetzen.

Natürlich bedarf es für all das unserer Offenheit, unserer Empfänglichkeit. Unserer erreichten Autonomie und Frei-Willigkeit. Aber es bedarf auch eines zunehmenden Vertrauens in die tragende Kraft des Lebens und, um noch einmal unter anderen auf Friedrich Schiller hinzuweisen, in den Wert von Freiheit. Und schließlich geht es nicht ohne ein positives Verhältnis zu Lust und Leidenschaft sowie zur Offenheit dafür, beschwingende Gefühle wie Freude, Glück, Begeisterung, Enthusiasmus auch erleben zu mögen und zu können. Es braucht also zumindest eine Disposition dafür, eine Bereitschaft.

Nun sagte ich schon, dass Eros, etwa in der antiken Welt, als Gottheit angesehen wurde. Denn nicht nur aus meiner Sicht hat er in seiner seelischen und spirituellen Dimension, wie oben angedeutet, eine aufs Göttliche hin orientierte Transformationskraft (die dann, wie A. H. Almaas sagt, zum Divine Eros wird). Zudem besitzt er, wie alles, wo wir dem Göttlichen begegnen, ganz starke Heilkraft. Und zwar Heilkraft sowohl kommunikativer, zwischenmenschlicher Art, also in Bezug auf unsere soziale Kommunikationsfähigkeit, Depression und Einsamkeit, als auch – es klingt fast trivial – natürlich in Bezug auf die Heilung unserer Einstellung zum Geschlechtlichen und damit zu unserem Körper und zu unserem wirklich leiblich gefühlten, ja sich steigernden Selbstwertgefühl! Und wirkt dadurch wiederum oft auch im engeren medizinischen Sinne heilend.

Wenn ich mich erotisch erlebend lebendig fühle, findet sich nicht nur in mir, sondern auch um mich herum eine ganz andere Stimmung. Dann nehme ich viel mehr Liebevolles, Schönes in den meisten Begegnungen mit Mensch, Tier und Natur wahr. Dann empfinde ich mich eher in einem geschwisterlichen Miteinander mit aller Schöpfung, einem dankbar staunenden Erleben meines Daseins, das vielleicht sogar oder sicherlich dabei hilft, auch schwere Situationen, die uns immer wieder begegnen, in ein anderes Licht zu tauchen. Ihre Schwere zumindest abzuschwächen, mir weiteren Schwung und Lebensmut zu verleihen.

Und da das auch hinsichtlich eigener innerer, sogenannter „dunkler Seiten“ meiner selbst gilt, entsteht in mir auch eine oft unbewusste Kraftbereitschaft, solche Dinge nicht mehr im „tiefen Kämmerlein“ meines Unbewussten eingesperrt zu halten, sondern sie mir ins Bewusstsein treten zu lassen. Sie noch einmal und damit ganz neu anzusehen und in positiver Weise zu integrieren. Und eben dadurch heiler und ganzer zu werden.

Die Möglichkeit, Eros und damit unsere schöpfungsgegebene Libido als diese tatsächliche Seinstransformationskraft leben und erleben zu dürfen, ist eines der größten Geschenke, die uns von der Allmacht gegeben sind. Und das uns mit ehrfürchtiger Dankbarkeit zu erfüllen vermag! Und Eros also, wie es Almaas tut, als Divine Eros zu verstehen oder, wie ich es tue, als GöttinEros, ist also zumindest nicht ganz abwegig! Ja eigentlich noch mehr, denn es liegt nahe, ihn, wie es in der berühmten „Ode an die Freude“ jubelt, mit einer allumfassenden Liebe zu verbinden und „diesen Kuss der ganzen Welt“ zu geben. Also diese Liebe einerseits als Natur- und Nächstenliebe auf die Erde und die Menschheit zu beziehen, was auf der anderen Seite dann dazu führt, die „Geber“ dieses Geschenks – sei es nun GOTT oder Göttin – gerade dafür Ihrerseits zu lieben. Also das zu erleben und zu leben, was entsprechende Schriften seit Alters her als Agape bezeichnen: die Liebe der Menschen zu anderen Menschen und zur Welt, die Liebe des Göttlichen zu uns Menschen sowie gleichzeitig unsere Liebe zum Göttlichen.

In Kurzform dieses Verständnisses spreche ich gerne von eroagapös, wenn ich diese untrennbare Einheit irgendwo erlebe. Und mir scheint, dass sich auch jene christliche Botschaft, das Göttliche sei nicht nur Liebe ganz und gar, sondern „es“ habe sich aus diesem seinem LiebeSein heraus als Schöpfung und in deren Zentrum als Mensch verleiblicht, „für den Hausgebrauch“ durchaus in diesem Ausdruck zusammenfassen lässt, Liebe als solche sei: ero-agapös!

Ich binde alles noch einmal zu einem Strauß zusammen: Die göttliche Liebe und damit Göttin selbst kann umso freier in uns zum Wirken kommen, je weniger heteronom wir sind. Anders: je authentischer und selbstbestimmter und damit denk-, fühl- und verhaltensfreier wir sind. Je mehr wir dadurch zur Selbstannahme auch unserer Schwächen, zu einem Abgrenzungsvermögen gegenüber Vereinnahmungen sowie zur Aufgeschlossenheit für unerwartete Wendungen und Begegnungen des Lebens gelangen, desto eher werden wir auch hellhöriger und zugänglicher für die inneren Wirkungen und Botschaften unseres Unbewussten. Und dadurch wiederum verstärkt auf die Pfade von GöttinS Liebe geführt. Auf die Pfade von Eros und Agape.

Und mit diesen hinein in eine neue Phase der Verwirklichung unseres wahren seelischen Selbst-Potenzials und zu neuem schöpferischen Leben.

Erotisch zu sein, ist dann im Kern so etwas wie, einfach lebendig in mir zu sein und gleichermaßen verbunden mit dem, was gerade da ist. Gegenwärtig. Zwar offen, vertrauensvoll und auch mutig hingabefähig an das, was von außen mir zukommt oder auch in mir schwingen will und könnte. Gleichzeitig aber auch feinfühlig, manchmal auch verletzbar von allem, was Göttin uns sendet, im Wissen darum, dass Sie uns in allem dennoch wohlwill. Denn gerade durch diese Gewissheit und in ihr offenbart sich dann unsere Seele, auch und nicht zuletzt in all ihrer Stärke. In einer Gefasstheit, einer Beruhigtheit, vielleicht auch gleichmütigen Gelassenheit und trotz allem heiterem Gemüt, welche eben die Kennzeichen wahrer Seelenstärke sind.

Befeuert von den Flammen unserer tiefen Verankerung im erotischen Lebenswirbel der Göttin können wir auch manchmal „querab“ reisen, dorthin, wo wir aus Konventionen und Normen heraustreten, wo wir Möglichkeiten erahnen oder gar verwirklichen, die vorher wohl undenkbar schienen. Wie Hagazussa, die auf dem Zaun sitzende „Zaunreiterin“, Neuland erkunden und auf diese Weise zumindest eine neue Strahlkraft entwickeln, die ihrerseits nicht ohne belebende Resonanz in unserer Umwelt, das be-haglich Bekannte, bleibt.

Die Schöpfung will, ja braucht es geradezu, dass wir unseren eroagapösen schöpferischen Impulsen folgen. Und wenn es denn stimmt, dass weiblich sein oder –als Mann – weibliche Anteile zu haben, bedeutet, schöpferisches Potenzial zu besitzen, und wenn wiederum dieses Potenzial besonders durch Liebe in ihren Aspekten Eros und Agape angeregt, gesteuert und fruchtbar gemacht wird, dann würden wir durch die Verwirklichung dessen wahrscheinlich sogar unserem Leben den tiefst möglichen Sinn geben können.

Das hört sich vielleicht für unser „Normalleben“ viel zu pathetisch, sicher auch unerreichbar an. Es lässt sich aber herunterbrechen auf diese ganz „normale“ Ebene, ohne dadurch falscher zu werden! Denn auf allen Stufen unsres Lebens bleibt doch als Tatsache bestehen: dass wir über das Unseinfühlen und Leben von Eros und Agape GöttinS unmittelbare Führung in ganz persönlicher, liebevoller Weise leben können, sind wir doch dazu nicht nur berufen, sondern dafür auch perfekt ausgestattet und gegenüber allen anderen Lebewesen prädestiniert.

Habe ich nun vor allem gezeigt, was ich im Wesentlichen unter Eros und seinen Wirkungen und Wegen verstehe, so möchte ich nun als Nächstes versuchen, darzustellen, was für mich die Essenz von Liebe im Sinne von Agape ist.

(Zwar nannten die Griechen als dritten Wirkaspekt der göttlichen All-Liebe neben Eros und Agape noch die „Philia“, die Freundesliebe. Auf diese möchte ich jedoch hier nicht weiter eingehen, da sie seinerzeit zumeist als homoerotische Liebe verstanden wurde, für die jedoch alle von mir in Bezug auf Eros genannten Aspekte gleichermaßen gelten.)

Agape also:

Diese – ich könnte mit aller Vorsicht sagen: „platonische“ Schwester des Eros – ist wohl zu verstehen als die reifste, weil bedingungslose, nicht bewertende Form göttlicher Liebe. Sie ist, ganz allgemein, sowohl unsere mächtigste Beziehungs- und Bindekraft als auch die Essenz von Seele oder Göttin. Ja quasi ein Synonym für Göttin als die All- und alles Liebende!

Als solche bedingungslose, immer an-wesende göttliche Liebe zur Schöpfung als auch, in uns Menschen, als immer mögliche Liebe zum Göttlichen sowie zu allem Mitgeschaffenen, insbesondere zum Mitmenschen, erachte ich Sie als allergrößte Kraft im Universum, ohne die alles andere letztlich nicht zählt.

Ich benutze hier gerne, alter chinesischer Weisheit folgend, das Bild des ewigen Tanzes von Ying- und Yang-Kräften. Also des ewig schöpferisch zeugenden Beziehungstanzes einander „erotisierender“, also gegenteiliger, sich ergänzend anziehender Pole, ohne die zumindest auf Erden und für uns Menschen kein Glück und keine wirkliche Erfüllung, keine Freiheit und kein Frieden möglich sind. Und ich versuche das, was ich damit meine, im folgenden Text, „Liebe als das Herz der Göttin – unsere motivatio-visionäre Binde-, Fühl- und Führungskraft“, zu beschreiben. (Ich erinnere hier auch an meinen Text „Eros als Lebenselixier und Transformationskraft auf dem Weg zur Göttin“ unter dem Menüpunkt Grundlegendes.)

Anmerkungen

1     Vgl. die Doktorarbeit von Vanessa Kayling über den Erosbegriff bei Platon und Annegret Stopczyks Buch „Sophias Leib“ in der Literaturliste.