GöttinVerwirklichung
Das Schöpferische kann man, wie gezeigt, mit gutem Recht als einen allem Weiblichen immanenten Wesenszug bezeichnen. Zwar sind dabei auch männliche Anteile unerlässlich, etwa wenn ans Reich des Biologischen gedacht wird. Alles andere genuine Erschaffen jedoch beruht mehr auf der Hingabe an- und im Wirken vieler unbewusster, auch emotionaler Kräfte, die nicht dem Logos, sondern eben – wenn man es so sehen kann – unserer Anima-Seite, also unserer Weiblichkeit und Seele, entspringen. Anders gesagt: Das Weibliche als solches kann von seiner Natur her nicht anders, als zu schöpfen. Dennoch ist es bisher weder gesamtgesellschaftlich noch in allen spirituellen Traditionen und Religionen ein wirkliches Thema, unsere Schöpferkraft voll in unser Leben zu integrieren oder sie sogar als unser höchstes menschliches Potenzial anzusehen, das durch uns leben will und das es zu verwirklichen, ja zu inkarnieren gilt.
Insofern halte ich es – ich kann es nur noch einmal betonen – für richtig, nicht mehr von einem doch eher männlich vorgestellten „SchöpferGott“ zu sprechen, sondern diese schöpferische All-Macht ihrem Wesen nach als „weiblich“ zu erkennen und „Göttin“ zu nennen.
Dabei geht es, wie wohl nun auch verständlich ist, bei der Verwirklichung von „Göttin durch uns“, nicht, wie in männlich-traditioneller Spiritualität, um ein Sublimieren und auch nicht um den Zugang zur Transzendenz, sondern darum, Sie, als auch unsere wahre Natur, unser Wesen, zum Leben und in die Welt zu bringen. Also darum, zu begreifen, dass sowohl unsere Lebendigkeit als solche als auch all unser Tun, Denken, Fühlen immer schon schöpferische Akte sind wie es Joseph Beuys mit seinem Kernsatz gesagt hat: „Jeder Mensch ist ein Künstler“ oder dass, wie Henri Bergson sagt, alle Natur wesenhaft schöpferisch ist und als solche mit dem Primat des Schöpferischen geschaffen ist. Dass also nicht nur schöpferische Akte im engeren Sinne wie künstlerische oder wissenschaftliche Werke Verwirklichungen, „Fleischwerdungen“, „Inkarnation“ der SchöpferGöttin sind, sondern alles, was durch uns Menschen, die Natur selbst oder im gesamten Kosmos jemals Wirklichkeit wird.
Und wenn wir nun mit dieser auch in uns schlummernden schöpferischen Mächtigkeit, der SchöpferGöttin also, wieder über unser SelbstSeelenGespür kommunizieren lernen wollen, macht es – ganz pragmatisch gesehen – Sinn, zu wissen, auf was wir uns da einlassen. Zu wissen, was uns da erwartet, wer und wie „Sie“ ist und was „SIE“ will und kann. Und zu erkennen, dass es dabei um unser ureigenes Selbst und unsere „persönliche“ Seele geht!
Dafür ist es selbstredend nötig, zu wissen, welche Lebenskräfte in uns schlummern, und vielleicht dann auch wieder den Zugang zu alldem zu bekommen, von dem wir uns kulturell entfremdet haben, was wir aber unerlässlich brauchen, um unsere eigenen schöpferischen Kräfte wieder voll in Besitz zu nehmen und, als unser inneres Feuer, zu entfachen und uns auch in dieser unserer Seins-Tiefe zu verwirklichen! Ich habe schon mehrfach zumindest angedeutet, dass ich hier Aspekte meine, die über unser persönliches Unbewusstes hinausreichen in weitere Dimensionen unseres Selbst, unserer auch transpersonalen Ebenen hin zu jenen Dingen, die ich insgesamt „Seelenkräfte“ nenne.
Also unsere Seelenkräfte entfalten! Unsere Seele als solche zum Leben – mindestens zu mehr Leben zu bringen! Darum geht es!
Um das jedoch zu erreichen, braucht es die drei Arten von Liebeskräften, in denen sich Göttins Wirken äußert und die im Wesentlichen den autonomen schöpferischen Lebensstrom, also unsere innere Schöpferquelle, „bewegen“.
Eigentlich sind diese drei Liebeskräfte nämlich mehr, als dass sich „nur“ Göttins Wirken durch sie äußert: Sie sind „Göttin“, Ihre „Essenz“ selbst als der autonome Fluss der kosmisch-schöpferischen Lebensenergie. Also jener Strom des Seins, der ewig all-immer geschieht; im Menschen zwar überwiegend unbewusst, in der persönlichen Seele des Einzelnen jedoch bewusst und wirksam werden kann.
Denn wir Menschen können tatsächlich mit diesem unserem Lebensstrom aktiv kommunizieren und seine Schätze bewusst in unsere Lebenswirklichkeit „inkarnieren“, das heißt: sie manifestieren!! Wir können diesen inneren Strom immer wieder im leiblichen Fühlen aufsuchen und ihn am unmittelbarsten und direktesten im Gespür des „Dazwischen“ auffinden, welches ich ja schon als möglichen „Begegnungsort mit Göttin“ und als unsere innere „Wandlungs- und Schöpferwerkstatt“ vorgestellt habe!
Und ich mag es noch einmal betonen: Dieses schöpferische Wirken ist ein natürliches, allem Weiblichen in uns verankertes und folglich (quasi wie x-chromosomatisch) auch im männlichen Körper vorhandenes immanentes Vermögen, Wirken und Geschehen! Es ist also keine Frage von Anstrengung und Willenskraft, sondern mehr von Leichtigkeit, liebevollem Sein und Hingabe an den Lebensstrom, an das Leben und sein Bewirken selbst!
Wenn wir erst einmal bereit, und dann auch darin mehr und mehr geübt sind, uns vorzustellen, dass das schöpferische Universum aus einem autonom wirkenden Lebensstrom, einer BewusstseinsLiebesEnergie-Einheit besteht, die sich in den verschiedensten Seins- und Lebensformen ausdrückt, dann wird uns klar, dass eben dieser Lebensstrom auch uns Menschen wesenhaft ausmacht!! Und wir können ihn als die in uns Mensch gewordene, verleiblichte Gestaltung der göttlichen Liebesenergie wahrnehmen. Als Erscheinung des weiblichen Aspektes des in allen Kulturen und Sprachen wie auch immer benannten, aber stets als das von uns als „göttlich“ bezeichneten Unbekannten. Seine Leben spendende Energie durchfließt und durchformt das gesamte Universum sowie auch unsere persönliche Existenz und unsere irdische Wirklichkeit. Sie prägt sowohl unseren individuellen als auch in beständiger Interaktion den gesamten Evolutionsprozess.
Es ist seit Menschengedenken immer wieder versucht worden, die Urkräfte genauer zu benennen, die diesen Prozess bewirken und steuern. Ich selbst gehe davon aus, dass er sich im Menschen in drei Grundkräfte unterscheiden lässt, die unser menschliches Leben und dessen Aktualisierung, insgesamt unseren Entfaltungs- und evolutionären Prozess bestimmen und durchwirken. Nämlich Eros, Liebe und unsere mächtige Zeugungskraft, die eng mit unserer polaren Geschlechtlichkeit verwoben ist.
Diese „Drei-Einigkeit“ bezeichne ich auch als die Urlebenskräfte der Göttin, als das, was ich insgesamt als weisen FeuerWirbel und unsere Kernkraft bezeichnet habe. Diese Kraft-Dreifaltigkeit ist unablässig anwesend, und – das ist entscheidend – alle ihrer drei Aspekte „wollen“, wie alle archetypischen Kräfte, gelebt werden! Sie schwingen in und um uns, sie bewegen, durchwirbeln und erweitern uns, und sie helfen uns, uns zu entwickeln und unser Potenzial zu verwirklichen. Unser Leben zur Fülle und zur Blüte zu bringen und das, was in unserer Welt am allermeisten fehlt, zu mehren: die Liebe zur Natur, zu allen Mit-Lebewesen und schließlich auch zur gesamten Schöpfung und zu jenem numinosen Sein, welches alles hervorgebracht hat und erhält.
Haben wir das – und wenn auch nur ahnungsweise – erreicht, können wir immer stärker empfinden, dass diese dreifaltige Kernkraft als Seele unseren Leibinnenraum quasi „anfüllt“, dass sie voller Bewusstsein/Geist und Wirkkraft ist, aus dem sich das Schöpferische zeigt und entfaltet. Und in diesem Empfinden, das ich SelbstSeelenGespür nenne, erleben wir den Ausdruck der drei göttlichen Wirkkräfte, wie sie sich gerade, also im jetzigen Augenblick, in uns zeigen. Und mag es auch „nur“ der Ausdruck meiner – vielleicht kindlich-„töchterlichen“ Liebe sein, so liebe ich es dennoch, diesen in mir lebendigen Dreikräftelebensstrom mit all seinen Möglichkeiten als GöttinS mir immanentes Wirken zu bezeichnen und zu verehren!
Natürlich durchzieht der Strom dieser Kräfte in unpersönlicher Art und Weise den gesamten Kosmos. Aber erst im oder als Mensch werden diese drei Ur-Kräfte fähig, ihrer selbst bewusst zu werden, werden quasi sich selbst unmittelbar als „Ich“ persönlich, leiblich er-lebbar und aktiv wirkmächtig! Das heißt, erst unser leibliches Erleben, Fühlen, Feingespür ermöglicht es uns, auch eine persönliche und wechselseitige Fühl-Beziehung zu Göttin, die ja als Begriff eine Personifizierung für ein machtvolles Wirken darstellt, herzustellen, uns darauf bewusst und liebevoll (!) zu beziehen und uns gleichzeitig als von „Ihr“ belebtes und geliebtes Geschöpf von Ihr durchwirken zu lassen.
Unser unmittelbares SelbstSeelenGespür entspricht folglich „Göttin persönlich“ im Sinne von: „Sie so nur für und durch mich“! Das heißt, dadurch, dass ich GöttinS Wirken ganz persönlich auch in mir waltend erfahre, kann ich weitere tiefere Erfahrungen dieses GöttinWirkens vor allem in Hinsicht auf meine weitere persönliche Seelenentfaltung machen. Denn zusätzlich zu derjenigen Energie, die zu unserem Lebenserhalt notwendig ist, kommt hier eine Art „Entwicklungskraft“ ins Spiel, die im Rahmen östlicher Spiritualität oft als Kundalini bezeichnet wird. Ich werde zwar im Blog etwas eingehender davon sprechen, dass und wie die Kundalini, in der sich ein ganz spezielles Zusammenwirken der drei Kernkräfte ausdrückt, spezifisch unserer Seelenentfaltung dient. Ich betone aber schon jetzt, dass ich der Ansicht bin, dass diese Energie gerade heute ganz anders „fließen will“, also nicht mehr in ein lineares, „hierarchisches Chakren-Aufstiegsmodell“ gepackt werden sollte.
Die dreieinigen Kern- oder Liebeskräfte sind meiner Ansicht nach dem zuzuordnen, was C. G. Jung den Archetyp des Wandels oder auch das Selbst nennt und eigentlich Gottes/Göttins Wirken in uns meint. Für C. G. Jung ist das Steuerungszentrum des Unbewussten, das Selbst, ein tiefenpsychologisch verwendetes Synonym für „GOTT in uns“.1 Für mich – nicht nur wegen meiner thealogischen Orientierung, sondern aus den vielen anderen genannten Gründen – ein Synonym für Göttin, also das all-lebendige Wirken, das uns jederzeit zugänglich ist und durch die seismonome Membran in unseren Seelenraum, also jenes von mir so genannte „Dazwischen“, einströmt!
C. G. Jung und ihm folgend vor allem Erich Neumann, Jolande Jacobi und Ester Harding haben in ihrer Zeit auch durch unwiderlegliche historische und archäologische Befunde unermesslich Wertvolles für das Bekanntwerden unserer Innenwelt, die Wirklichkeit der Seele und die Tiefen des Unbewussten sowie den Bereich der „Großen Mutter“ erarbeitet. Und sie haben damit eine neue Bezugnahme auf dieses Innere Mysterium ermöglicht und den Weg in eine neue Art der SelbstSeelen-Verwirklichung als GöttinVerwirklichung erst ermöglicht!
Um die Verknüpfungen dieser Dinge mit meinen Darstellungen jedoch mehr zu verstehen, seien zuerst einmal die drei Kernkräfte Eros, Liebe und Zeugungskraft in ihrer Eigenart und ihrem Zusammenwirken eingehender vorgestellt:
Eros als unsere Transformationskraft, Liebe als unsere Beziehungs- und Bindekraft und die Zeugungskraft als unsere „Hervorbringemacht“, die sich, über die körperlich-sexuelle Ebene hinaus, auf vielen Daseinsebenen verwirklichen will und lässt. Und die mir hier überwiegend als einen Aspekt auf einer Analogieebene für den schöpferischen Yin-Yang-Prozess selbst – auf allen Daseinsebenen – dient!
Und ich meine, dass in diesen Urkräften unseres Seins sich gerade die uns Menschen geschenkte, der Natur immanente Lebens-, Liebes- und Schöpferweisheit erschließen und weise nutzen lässt!
