Heilen
Anders als im üblichen Sinne, wo heilen als wieder gesund machen, vielleicht auch erneuern, restaurieren, reparieren oder sanieren beziehungsweise kurieren verstanden wird, meine ich damit wieder ganz werden und endlich frei werden für das Selbst, für die Beziehung zum Größeren Ganzen und der unerschöpflich schöpferischen Quelle allen Seins und Werdens, damit wir bewusst aus ihr schöpfen können beziehungsweise sie sich durch uns ausdrücken kann.
Ich verwende den Begriff heilen also in einem sehr umfassenden, ganzheitlichen und von Anbeginn an spirituellen Sinne. Also eher wie heil machen und heil werden, was dem Wort heilig ja gar nicht so fern ist.
In diesem spirituellen Sinn und der Tiefe einer solchen Bedeutung sehe ich es als den Weg freimachen: den Weg zum Selbst, zur Seele und zur wechselseitigen Beziehung mit unserer SeinsQuelle, wie immer wir sie nennen mögen: Urgrund, Schöpfergöttin, das Unbewusste, schöpferisches Feld, Essenz, Liebe, das Lebendige …
Den Weg frei machen impliziert auch, dass heilen zuallererst und grundlegend darauf ausgerichtet ist, ganzer Leib zu werden. Uns als Leibganzheit zu fühlen und zu erleben.
Und das bedeutet darüber hinaus, auf eine bestimmte Seins- und Lebensweise ausgerichtet authentisch, echt zu werden, innerlich geeint, liebevoll verbunden, in bedeutsamen, tiefen Beziehungen am wechselseitigen Wachsen orientiert zu leben.
Grundsätzlich geht es mir also um ein Heilen, das zuallererst auf den Menschen als ganzheitliche, leibhaftige und sich wandelnde Person ausgerichtet ist. Auf sein inneres sowie äußeres Leben, auf sein lebendiges, fließendes Sein. In diesem Rahmen kann Heilen sich beziehen auf das Ich, den Körper, den Geist, die Seele, mein persönliches Verhältnis zu Göttin als Du oder zu dem mich erfüllenden und umfangenden Großen Ganzen, der Großen Göttin in mir, jedem Du und in aller Natur.
Heilen bedeutet dann auch, real und realistisch zu werden. Wobei real werden heißt wirklich werden, wirklich die sein, die ich bin. Wirklich im Sinne von wirksam, wirkend, vielleicht auch wirkmächtig, so, wie es meinem Vermögen als dem Menschen, der Frau oder dem Mann, die/der ich bin und werden kann, entspricht.
Realistisch werden heißt, allermöglichst die äußere und innere Wirklichkeit so zu erkennen, wie sie ist. Sie – vor allem mich selbst – ohne Schonung, ohne Verblendung, vor allem ohne Abwertung radikal anzunehmen im Sinne von: „Alles, was an und in mir ist, darf sein – ob es mir gefällt oder nicht“!
Heil sein bedeutet aber auch, in einer Beziehung zu meiner inneren Quelle, dem Unbewussten oder Impliziten in mir, zu sein, mit ihr zu kommunizieren und immer wieder, bei Bedarf, aus ihr immer wieder neu zu schöpfen, auch mich selbst.
Es ergeben sich Schwerpunkte des Heilens, die sich aus dem ableiten, was unheil sein kann, und die ich – ohne wertende Reihenfolge – einmal so nennen möchte:
Unheil sein können mein Ich, mein Körper, mein Geist, meine Seele und mein inneres und äußeres Beziehungsleben (zum Selbst, zum Du, zu Göttin, was in der Tiefe letztlich gar nicht so unterschiedlich ist).
Gerade für ein heiles Beziehungsleben, ist es aus meiner Sicht besonders wichtig, dass ich mich in und mit mir verbunden fühle, bei mir und in mir eins, also mit mir einig und in Frieden bin. Und dass ich das auch leiblich fühle.
Für ein heiles Beziehungsleben – innen und außen – ist es aber gleichermaßen wichtig, dass ich mit meinem Fühlen und Empfinden, meinen Bedürfnissen, Impulsen und Wünschen, aber auch mit meinen Grenzen verbunden bin und all das auch ausdrücken kann. Dass ich mitteilen kann, wenn mir etwas fehlt oder ich mich unwohl fühle. Oder wenn ich etwas will. Oder wenn ich gerade im Fluss mit etwas anderem bin und dieser Fluss, diese momentane anderweitige Konzentration unterbrochen wird.
Mein Körper ist unheil, solange er noch nicht wieder leibhaftig, bewusst bewohnt wird, also gespürt und als Leib gefühlt, also als die Einheit und Ganzheit, die er ist und die ja auch oftmals Ausdrucksorgan für tiefer liegendes Seelisches ist.
Mein Geist ist unheil, wenn ich glaube, etwas zu sein, was ich nicht bin. Oder wenn er nicht in der Lage ist, ganzheitlich und prozesshaft zu denken, oder wenn er seinen wirklichen Stellenwert, nämlich den eines Dieners für mein Leib-Leben zu sein, noch nicht erkannt hat. Er also noch nicht bereit ist zu erkennen, dass er nicht „die erste Geige“ in mir zu spielen hat!
Meine Seele wiederum ist unheil, wenn sie sich nicht frei ausdrücken, wandeln und entfalten kann. Wenn sie sich nicht verbunden oder in Beziehung fühlt, wenn sie nicht lieben kann oder darf, sich nicht verströmen darf.
Seelische Heilung beginnt überhaupt insgesamt erst da, wo ich erkenne, was unheil bei mir ist, es annehme und beginne, mich – ganz wesentlich – nach innen zu wenden und wieder zu mir zu finden und zu meiner Quelle, zu Göttin, als zu meinem gefühlten Selbst, dem ich vertraue.
Spirituell-seelisch gesehen, bedeutet heilen für mich also insgesamt die Rücknahme von Entzweiung, von Trennung, auch Verdrängung, von Abspaltung und Nichtfühlen. Die Entwicklung der Erkenntnis und der Wahrnehmung des Seelischen, genauer: der Seele in mir. Und, was ja gemäß der eigentlichen Bedeutung des Wortes Seele nicht anders sein kann: auch und vor allem unseres Hineinragens in transzendente Bereiche, also die Rückkehr ins Einssein und zur leiblichen Erfahrung des Wesens und Wirkens von etwas Göttlichem, vor allem der Göttin in uns.
Ganz zentral fürs Heilsein ist es, insgesamt unser „Ich“ zu heilen, weil dieses ja letztlich mit seiner Visions-, Wirk- und Willenskraft sowie seiner Sehnsucht der Dreh- und Angelpunkt für alle Wachstumsarbeit und spirituelle Hingabe ist! Es muss stark und kraftvoll, aber auch autonom, allermöglichst frei von Fremdbestimmung jeglicher Form werden, damit es mehr und mehr sich demjenigen leidenschaftlich hingeben kann, wonach es sich tief sehnt und was zu seinem wirklich Sinn-vollen, erfüllten Leben, Lieben und Wirken oder Handeln führt. Also um das zu verwirklichen, was durch es – auf je ureigene Art und Weise – gelebt und verwirklicht werden will, ja vielleicht, wozu es berufen ist.
