Beziehen wir in den Bereich des Spirituellen ein, dass wir seelisch erwachen und wachsen, brauchen wir ein erweitertes Verständnis von Erwachen und ein tiefes Verstehen des Seelischen und seiner Seins-, Lebens- und Wirkkräfte und in diesem Zusammenhang auch ein neues Gottesverständnis und Menschenbild, mit der Wertschätzung der einzigartigen Wirklichkeit und Wichtigkeit auch der Person, die wir sind und durch weitere Selbstverwirklichung werden können. Diese geschieht prozesshaft und ist wesentlich durch ein In-Beziehung-Sein gekennzeichnet.
Bei diesem In-Beziehung-Sein denke ich sowohl an ein bewusstes Kommunizieren mit inneren archetypischen Teilen und Kräften (dem inneren Kind, einem Kritiker, vielleicht einer Rebellin, einer Weisen Alten, dem Hohes Selbst, mit Göttin oder wie immer wir das „Höchste“ oder die Einheit personifiziert nennen wollen) als auch an eine bestimmte Art von uns wandelnden Außenbeziehungen, aber auch an den Bezug zu einem göttlichen, immer präsenten Sein und Wirken, das wir zum Beispiel über Synchronizitäten, wundersame Fügungen und Ähnliches erleben können. (Dazu und zur Göttinerfahrung an anderer Stelle Genaueres.)
Für mich persönlich ist die Vision der heute höchstmöglichen Verwirklichung die von „Göttin“ oder „GOTT“ durch mich“ – also die der Gottesverwirklichung durch uns und unser Leben! Und das zu verwirklichen – mit anderen Menschen – im Sinne eines schöpferischen Liebes-Tanzes von Yin und Yang – gemäß unseren Anlagen, unserer Sehnsucht und Liebeskraft!
Die meisten, die auf einem spirituellen Weg sind, erwachen in einem langsamen Prozess und sie werden sich zunehmend der Wahrheit des Seins bewusst und erkennen, wer wir wirklich sind – von unserem tiefen, wahren Wesen her –, ein langsames Erweitern und Verlagern der Identität von unserem kleinen Ich hin zu einem Erkennen und Erfahren der Wahrheit des Selbst und der Seele, was sehr viel mit Meditation, in Stille sein und oft mit viel Rückzug aus dem Leben und seinen Herausforderungen und Freuden zu tun hat – auch wenn er nicht explizit in einem monastischen Kontext stattfindet.

Für mich war früh schon die Frage da, was „danach“ kommt, nach dem Erwachen, oder was parallel dazu gelebt und geheilt werden muss, damit wir die einseitige Ausrichtung auf den meditativ spirituellen Weg nicht dazu missbrauchen, uns wesentlichen, menschlich-seelischen Wachstumsherausforderungen und Möglichkeiten zu entziehen, durch die wir nicht nur bewusster, wacher, sondern auch einfühlsamer, liebesfähiger und auch wirksamer im Dienst des Lebens werden können, gemäß unseren individuellen Besonderheiten und Anlagen, und dabei vielleicht so etwas wie einer persönlichen Berufung folgen.
Ich habe gemerkt, dass es bisher keinen spirituellen Weg gibt, der beide Zweige explizit – in Lehre und Praxis – vereint oder ein Menschenbild, das die „wahre Natur“, die es zu verwirklichen gilt, umfassender wiedergibt. Auch wenn inzwischen einige buddhistische Lehrer versuchen, psychotherapeutische Elemente zu integrieren, tun sie das im Rahmen der bestehenden Tradition – mehr oder weniger als Zugeständnis an die Bedürfnisse und Erfordernisse westlicher Schülerinnen und Schüler, nicht aus Einsicht in die Notwendigkeit einer neuen Sichtweise und Praxis, um sich in den Dienst des Lebens und des Erhalts des Planeten zu stellen.
Verbunden ist diese Frage mit einem Gefühl, dass die traditionelle Art von Spiritualität, die uns dazu führt, unsere wahre Natur zu erkennen und zu erfahren, uns oft und lange vor dem Leben und sinnvollem Bezogensein zurückhalten und von wichtigen Lebenserfahrungen abhalten kann. Ein wesentliches Missverständnis vieler spirituell ausgerichteter Menschen liegt darin, alles, was uns innerlich berührt, belastet, fasziniert, wegen seiner letztlichen – und nur vom Absoluten her gesehenen – „Substanzlosigkeit“ und „Vergänglichkeit“ (Samsara) nicht mehr wichtig zu nehmen, da es sie ja eigentlich eher davon abhält, die Einheit oder Leerheit unseres Seins und aller Erscheinung zu erfahren. Vielfach ist die unermessliche Bedeutung und Wichtigkeit der einzelnen Person und ihrer „Berufung“ oder „Bestimmung“ im Weltengefüge vernachlässigt worden.
Erst in den letzten Jahren ist mir klar geworden, dass mit dem Erkennen, wer wir sind, und dem Verwirklichen von beständiger Präsenz, auch eine ganz neue Entdeckung des Seins (der Erde, unseres Körpers) und des uns innewohnenden Potenzials möglich und sinnvoll wird, was – ausgenommen der Sufismus, die tantrischen Wege des Kundalini-Erwachens und die alten westlichen alchemistischen Traditionen – nicht bekannt und nicht als Teil des Weges gesehen wird.
Eine ganz wesentliche Erkenntnis der letzten Jahrzehnte, die eher durch den westlichen Geist und westliche wissenschaftliche Forschung möglich wurde, ist, dass auch – ganz wesentlich für unsere Lebensausrichtung – das Bewusstsein selbst einer stufenweisen Entwicklung unterliegt. Und dass es von der Bewusstseinsebene, auf der wir uns befinden, unserem Paradigma, das uns in der Regel völlig unbewusst ist und dennoch zutiefst prägt, abhängt, was wir als wirklich ansehen, was wir für möglich halten, wie wir uns sehen, welche Entwicklungsmöglichkeiten und Erfahrungen uns überhaupt zur Verfügung stehen. So hängt es von der Offenheit und Weite und (relativen) Wahrheit unseres Paradigmas ab, wie wir spirituelle Erfahrungen interpretieren und einordnen und welche Erfahrungen uns überhaupt als erstrebenswert und wertvoll erscheinen und zugänglich werden können!
Auf dieser Ebene haben westliche Bewusstseinsforscher (Ken Wilber, Daniel S. Barron), humanistisch orientierte Psychotherapeuten (Carl Rogers, Eugene Gendlin), Quantentheoretiker (Hans-Peter Dürr) und vor allem der erkenntnistheoretische Zweig der Tiefenpsychologie (C. G. Jung, Willy Obrist) sowie Neurowissenschaftler (A. R. Damasio, Joachim Bauer) uns im letzten Jahrhundert beziehungsweise erst in den letzten Jahrzehnten (!) ein völlig neues Verstehen und vormals ungeahnte Horizonte eröffnet, die den alten spirituellen Traditionen einfach noch nicht zugänglich waren.
In den weiteren Texten dieses Werkzeug-Teils möchte ich zunächst die Bedeutung von Paradigmen für unser Leben und unsere Entwicklung aufzeigen und dann beginnen, ein neues vorzustellen.
