Heilen
Wenn ich sage, dass die Voraussetzung für Heilen in dem von mir gemeinten Sinn darin besteht, in Ganzheit zu denken, so stehen wir an dieser Stelle schon vor einem schwerwiegenden Dilemma. Es sieht nämlich so aus, als wären wir Menschen als einzige Lebewesen de facto gerade nicht in einer solchen Einheit und Ganzheit – weder in uns selbst noch in Bezug auf alles andere, sondern – wenn sie überhaupt jemals da gewesen sein sollte – irgendwann einmal aus ihr, dem Tao, dem kosmischen Ganzen und eben auch dem Einssein mit uns selbst, unserem LeibSein, herausgefallen. Herausgefallen, indem wir gelernt haben zu analysieren, zu unterscheiden, zu trennen, zu vereinzeln, eines von einem anderen abzusondern und das Unterschiedene zu bewerten.
In der biblischen Genesis ist das als „Sündenfall“, als Ergebnis unseres Essens vom Baume der Erkenntnis von Gut und Böse formuliert, und wir können nicht umhin zu akzeptieren, dass dieses zu unserem Menschsein, zu unserem Geist, unserem Bewusstsein, zu dessen Fähigkeit des Trennens, des Analysierens, Unterscheidens und Bewertens genuin dazugehört. Ja unsere Art von Bewusstsein, von Denken, unseren „Geist“ geradezu definiert.
Nun ist diese biblische Beschreibung, aufs Ganze der menschheitlichen Geschichte gesehen, doch etwas „jüngeren Datums“. Dennoch wird darin etwas angesprochen, das sich tatsächlich im Laufe der menschlichen Evolution so ergeben hat.
Der menschlichen Existenz scheint es also ab einem historisch nicht fassbaren Zeitpunkt mehr und mehr innezuwohnen, dass wir uns sowohl im Laufe unserer phylogenetischen als auch ontogenetischen Entwicklung mehr oder weniger von einem – vielleicht frühmenschlichen wie auch frühkindlichen – ganzheitlichen Sein und Fühlen, besonders von einem gesamtleiblichen Spüren abgelöst haben. Mindestens uns in Teilen davon distanzieren, ja von vielem uns sogar als einem „Nicht-Ich“ so sehr entfremdet haben, dass es aus unserem Wahrnehmungs- und Bewusstheitsbereich gänzlich entschwunden zu sein scheint. Das bedeutet aber, dass wir uns mit dem übrig Gebliebenen, also den für uns wahrnehmbaren Denk- und Fühlvorgängen, mit dem nach außen sichtbaren Körper, seiner Beschaffenheit, seinen individuellen Merkmalen, seinem Aussehen, seiner Gesundheit, seinem Geschlecht, auch seiner Begrenztheit am stärksten identifizieren. Und dass wir eben nur diese Identifikation als „uns selbst“ wahrnehmen und als Ich bezeichnen.
Bestätigt, ja gefördert wird das nun auch dadurch, dass wir in eine genau diese Aspekte des Menschseins mehr oder weniger favorisierende Umwelt hineinwachsen. In die Rahmensetzungen, die Strukturen einer Kultur, einer Gesellschaft, einer familiären Lebensgemeinschaft, auch bestimmter Cliquen oder spirituelle, auch politische Gepresstheiten. Diese sind zwar für jede und jeden etwas anders, auch in ihrer Ausprägung. Wir stellen aber gerade in neuerer Zeit, besonders durch die „sozialen Medien“ fest, dass sich hier weltweit immer stärkere Gemeinsamkeiten in immer größeren Gruppierungen mit verfestigten Identifikationen bilden.
Von einem solchen „Ich“ nun zu verlangen, sich von alledem und oft auch gegen es frei zu machen, zu verabschieden, autonomer zu werden, um sich dann – worauf es ja letztlich hinauszulaufen scheint – nicht nur in sich als Leib ganzheitlich zu denken und zu fühlen, sondern sich darüber hinaus als integralen Teil einer wiederum viel größeren Ganzheit zu spüren, zu erleben und in dieser zu handeln, also in diesem Sinne nicht sich aufzugeben, sondern in einer neuen, größeren Ganzheit einzuwohnen, sich als eingewebt und eingebettet wahrzunehmen: das ist wahrlich schwer. Wird erst einmal als Ichaufgabe, als Ichverlust, ja sogar geradezu gegenteilig, nämlich als Verzicht auf Autonomie, Souveränität, und damit – zu Recht – als existentiell bedrohlich erlebt.
Also: eine schwere Hürde, die es zu nehmen gilt!
Und nun kommt ein Zweites hinzu:
Dieses „Ich“, für das wir uns halten, ist ja „in sich“ schon ein seltsames Ding. Denn einerseits erfahren wir uns natürlich in ihm und durch es als Subjekt im Sinne von: Dieses „Ich“ bin ich selbst!
Andererseits bemerken wir, dass dieses mein „Ich“ auch etwas Objekthaftes, Dinghaftes ist. Vor allem dadurch, dass es mit und in seinem äußerlich sichtbaren Körper, seinen Gefühlen, seinen Krankheiten und Verletzlichkeiten – mittlerweile auch seinen manipulierbaren, austauschbaren Organen –, insgesamt seinem Erwachsen und Vergehen zum Tode hin mit äußeren Dingen: mit „Nicht-Ichs“ aufs Engste verwoben und ihnen auch manchmal gnadenlos ausgeliefert ist.
Einerseits fühlen wir uns also identisch mit unserer Lebensgeschichte, unserer Beziehungsgeschichte, unseren Erfolgen und Misserfolgen. Auch mehr oder weniger mit dem, was wir besitzen, was mir gehört, ja oft nahezu symbiotisch verschmolzen mit dem, zu dem ich mich zugehörig fühle. Andererseits wiederum fühlen wir uns manchmal als hilfloses Objekt dessen, worunter wir leiden, was uns krank macht. Was uns fehlt, uns behindert und was wir zwar manchmal ändern können, andere Male aber auch unabänderlich auf uns einwirkt.
Tun und Lassen
Ich habe mich oft gefragt, in welchem Verhältnis Tun und Lassen zueinander stehen.
Oder aktiv etwas gestalten und passiv sich hingeben und empfangen. Oder binden und lösen. Ich denke inzwischen, dass wir uns lebenslang zwischen diesen Polen hin und her bewegen und beide gleichermaßen wichtig sind, dass sie einander ergänzen und befruchten, wie die Pole Yin und Yang im Rahmen unseres lebendigen Daseins.
Beim Thema Heilen steht vielleicht zunächst der aktive Pol des Heil-sein-Wollens im Vordergrund, obwohl es auch beim Heilen – je nach Sichtweise – um ein Loslassen dessen gehen wird, was der Verwirklichung meiner Ganzheit und Einheit entgegensteht. Aus der wir, wie oben gesagt, als genuiner Teil zwar eigentlich nie herausfallen können, die wir aber zu verdrängen, ja abzuleugnen gelernt haben.
Es geht also darum, diese nachdrücklichen Verleugnungen als entscheidende Hindernisse auf dem Weg zu unserer in echter Selbstverwirklichung bestehenden Heilung zu erkennen und zu überwinden. Die Identifikationen als ein mir zumindest zu großen Teilen vorgegaukeltes Selbst/Ich zu enttarnen, sie dann als mich nicht mehr bestimmenden Teil im wahrsten Wortsinne sterben zu lassen und mein wahres, mein authentisches IchSelbst zu verwirklichen. Und da wir als soziale und prozesshafte Wesen angelegt sind, geht das natürlicherweise nicht nur in mir und für mich alleine, sondern bedarf auch stets – besonders in bestimmten Phasen meiner Reifung, eines Zusammenwirken mit anderen sowie viel Mut, Vertrauen, Geduld und Hingabe!
Wie gesagt: ein schwieriger, aber gangbarer Weg. Eine Art Häutungsprozess, ja eine Metamorphose, die aber, und das ist ein wahrer Trost, in dem Augenblick eine Unterstützung quasi von innen heraus: von unserer Seele, unserem wahren Selbst erfährt, sobald wir auch nur annehmen, dass er richtig für uns ist. Denn zumindest in diesem Sinne gilt der Satz: „Dein Glaube hat dir geholfen.“
Missverständnisse bezogen auf das Ich
Auf meinem spirituellen Weg habe ich oft gehört und immer wieder gelesen, „das Ich“, das „Ego“, sei eine Illusion, es sei nicht real, sondern nur ein mentales Konstrukt, etwas, für das wir uns halten, das wir aber nicht wirklich sind. Real sei nur unsere wahre Natur, nicht das, was erscheint und wieder vergeht. Buddhistisch ausgedrückt, ist diese wahre Natur die Buddhanatur. Und allein diese unsere „wahre Natur“, auch oft als Leerheit bezeichnet, sei „real“; samsara hingegen, also alles, was dem ewigen Wandel der Wieder-„Geburten“ unterliege, sei illusionär, bedingt entstanden, sei nur vergängliche Erscheinung im ewigen Gestaltenwandel. ( Siehe auch unter Publikationen meinen „Buddhismus aktuell“-Text)
Diese Sichtweise, die auf sehr speziellen Realitäts- und Illusionsbegrifflichkeiten basiert, kann, zumindest im heutigen abendländischen Denken, zu Missverständnissen auf dem Weg zum Erwachen führen und zu einer Verwirrung, was die eigene Lebensgestaltung und den spirituellen Weg angeht. Ich spreche aus eigener schmerzlicher Erfahrung und der Beobachtung vieler, die durchaus ernsthaft und mit Hingabe einem an östlicher Weisheit orientierten spirituellen Weg folgen.
Meiner Ansicht nach hat dieses Missverständnis aber nicht nur sprachliche und philosophische Gründe, sondern es beruht auch darauf, dass hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird! Mit „dem Kind“ meine ich in diesem Fall das menschliche, lebendige Sein oder das persönliche Ich und Selbst, welches sich in vielen Formen, Dichtegraden, Qualitäten und Fähigkeiten durch den physischen Körper manifestiert und ausdrückt und das sich immer mehr seiner selbst bewusst werden kann. Und weder dessen Entwicklungsziel noch „Herkunft“ aus der zwar unnennbaren, aber doch real seienden Schöpferwirklichkeit kann von mir jemals mit einem Nirvana im Sinne von Nichts postuliert werden! Zumal auch philosophisch Sein zwar verneint, aber nie vernichtet werden kann.
Und selbst wenn in den buddhistischen Lehren vor allem Mitgefühl mit allen Lebewesen – gemäß dem dharma, der Lehre und dem Weg –, also Lebenszugewandtheit. geradezu verpflichtend ist, könnte man dort letztendlich doch von einer grundsätzlichen Lebens- Lebendigkeitsverneinung sprechen, wie sie sich als angestrebtes „Ziel“, also als Aufgehen im sogenannten Nirvana oder dem Verwirklichen von Nondualität ausdrückt.
Ich empfinde es daher als unangemessen, das Nicht-Sein aller Schöpfung für ihr „wahres Wesen“ zu halten. Vor allem, weil dadurch jeglicher Bezug zu etwas wie „Schöpfer“, Seele und Selbst, zum unerforschlichen Geheimnis aller Schöpfung und zur ehrfurchtsvollen Begegnung mit all ihren Wundern – und schließlich dessen weiblicher Grundcharakter als Seins-spendend – also im Grunde die SchöpferGöttin selbst – abgeschafft beziehungsweise nicht anerkannt wird. Und ebenso ein Verwirklichen von Selbst und Seele.
Wir müssen aus der Sicht heutiger Erkenntnis konstatieren, dass nicht das Ich als solches, sondern nur das unerwachte, das heteronome Ich als ein illusionäres, genauer: mentales Konstrukt zu begreifen ist.
Und dieses „Ich“ (vor allem als eine Art Bild oder Vorstellung von mir selbst) als mit bestimmten Fähigkeiten ausgestattetes Wesen, befähigt mich, in einer Welt zu existieren, zu überleben und zu kommunizieren, die von eben jenen Vorstellungen, Konventionen etc. beherrscht wird. Eben: mein Leben im Rahmen einer an diese durch Prägung vorgenommenen Anpassung (Erziehung, Ausbildung, Erfahrungen etc.) zu meistern. Und natürlich kann man ein durch solche Prägungen entstandenes Ich in der Tat als illusionär im Sinne von „nicht eigentlich Ich“ oder nicht von mir gemachtes Ich bezeichnen. Dessen Sein aber sowie alles, was mit und durch es erreichbar ist und auch von der Schöpfung so gemeint gewesen ist, ist jedenfalls nie und nimmer als „nichtig“ zu betrachten. Im Gegenteil!
Es ist also nicht zu verkennen, dass dieses „Ich“, bei dessen „Produktion“ es im Grunde weitgehend um nichts anderes als um Anpassung geht, tatsächlich unfrei ist. Aber gleichwohl wie jedes andere Kunst-Werk real und auch wirkend. Nur ist es eben wiederum eine Frage der Selbsterkenntnis, diese eigene „Künstlichkeit“ zu erfassen und zur eigenen Natürlichkeit (zurück-) zu finden. Also das eigene Leben selbstwirksam und seinem individuellen Potenzial gemäß zu gestalten. Jenes alte, geprägte, fremdbestimmte – und deshalb heteronom genannte – Ich, sollte heilen und erwachen. Es sollte lernen, sich nicht mehr für etwas zu halten (sich damit zu identifizieren), was es gar nicht ist! Sondern zu einem autonomen, selbstbestimmten Ich werden. Und dabei im Vollzug dieser Autonomie durchaus auch immer – aber eben frei (!) – selbst entscheiden, was von jenen heteronomen Dingen es beibehalten, für sein eigenes Sein, seine eigene selbstbestimmte Entfaltung wie und wann verwenden, also sich zu eigen machen möchte.
Ich möchte zeigen, dass und wie letztlich diese Vision nur über einen Bezug des Ichs zum Leib und zum Sein und durch eine auch leibliche Entprägung gelingen kann.
„Sterben“ in diesem Sinne sollte also nur die Identifikation mit jenem begrenzten Ich. Vor allem die Identifikation mit seinen geistigen Inhalten, Vorstellungen, ja auch Empfindungsmustern. Und selbstverständlich auch alle beengenden Überzeugungen, die es – unbewusst – für wahr und real und zu sich gehörig hält, und von denen jenes geradezu gezüchtete (und oftmals auch gezüchtigte!) Ich denkt, dass sie es ausmachen. Wobei viele Menschen, die sehr umfänglich und auf ganz bestimmte Weise zu solcher Art – man könnte schon fast sagen: „Zombis“ gemacht werden, meistens keinerlei Bezug haben zu ihrem gesamtleiblichen Sein, geschweige denn zu ihrer globalen universellen Mitgestaltungsfähigkeit und Verantwortlichkeit! Also weder zu dem, was wir wirklich und gemäß unserer uns von der Schöpfung verliehenen Natur sind, als auch zu einer sich daraus ergebenden Verpflichtung unsererseits der Schöpfung gegenüber. (Mehr dazu im Blog.)
Inzwischen gibt es allerdings zum Glück schon einige spirituelle Lehrer, die eine Heilung des Ichs als Voraussetzung dafür ansehen, Spiritualität nicht dafür zu missbrauchen, wichtigen Lebensthemen aus dem Weg zu gehen. Bei Daniel S. Barron habe ich vor Jahren erstmals gelesen, dass das Ich eigentlich gut und nützlich, ja notwendig ist. Das heißt aber eben: von seiner Natur her im Grunde gut. Und dass nur jenes unheile, heteronome „Ich“ sowie besonders die Identifikation mit diesem mentalen Konstrukt, wenn wir es ausschließlich für uns halten, zu heilen ist.
Eine der großen Schwierigkeiten der geschilderten unguten Entwicklung, die uns Menschen ja seit undenklichen Zeiten gewissermaßen eingefleischt ist, besteht darin, dass dem unheilen „Ich“ die Erfahrung und die Erkenntnis seiner Begrenztheit fehlt. Anders: dass es gar nicht um seine ganz anderen und viel größeren und auch positiveren Anlagen weiß! Und es deshalb, auch wenn es, aus welchen Gründen auch immer, die Vielfalt heutiger Selbsterfahrungs-, spiritueller und ähnlicher Angebote nutzt, nicht wirklich zu einem Bewusstwerden seiner tiefsten Prägungen gelangt. Vor allem auch nicht zur Be- und Verarbeitung lebensgeschichtlicher Verwundungen, also all dessen, was erst zur Trennung, ja zum Selbstverlust oder zumindest zur Entfremdung von wichtigen Teilen seiner selbst, zur leiblichen Selbstentfremdung, geführt hat. Denn: Ein solches Erwachen, ja eine Heilung dieser Verwundungen, letztlich der Königsweg dorthin sind nicht Yoga oder Meditation, nicht Tantra oder Tai-Chi, sondern nur ein Bewusstwerden seiner selbst als eines ins Allgöttliche eingebundenen liebesbedürftigen, vor allem aber auch liebensfähigen Wesens.
Tatsächlich erst dann, kann der Mensch mit diesem seinem erneuerten, entwickelten, autonomen Ich seinen rechten Platz im Dasein finden und in freier Willensentscheidung seinem eigenen Leben, Lieben und Wirken dienen. Und erst dann kann er zu seinem wahren Potenzial erwachen, dessen nächste Entwicklungsstufe in der Einsicht und Erfahrung der Nondualität liegt, dem gefühlten Bewusstsein der Einheit von allem. Und – ich betone es immer wieder: – wenn es denn für ihn vorgesehen ist, mag er dann in die Sphären seiner Schöpferbewusstheit und der damit einhergehenden Fähigkeiten hineingeführt werden!
Für diesen Weg, den ich hier in eher allgemeinen, grundsätzlichen Worten skizziert habe, wäre es natürlich wichtig, zu wissen, wie ein geheiltes, integriertes Ich aussieht und was für Qualitäten es hat.
Ausgangsbedingung dafür ist, wie nun schon mehrmals betont, zumindest die – ich sage mal –: intellektuelle Bereitschaft, es überhaupt für möglich zu halten, dass es auch ein anderes, neues, ungewohntes Verständnis vom Menschen, seinem Ich-Bewusstsein, seinem fühlenden, seelischen Selbst geben kann. Und dass nur daraus wiederum ein neues, anderes Verhältnis von Ich und Selbst, seiner doppelt wahren Natur und wie all das zusammen wirken kann, erwächst.
Vom heteronomen zum autonomen Ich und zum Selbst
Damit besser verstehbar wird, worum es in dieser Art von Heilprozess geht, braucht es nach den vorherigen, eher grundsätzlichen Überlegungen auch ein detaillierteres Verständnis der Gewordenheit und der Zusammenhänge von Körper, Selbst, Geist, Psyche, Seele und Ich im Rahmen unserer immer unteilbaren Leibganzheit, die uns als Mensch, als einmalige Person, ausmacht.
Unser Leib ist erst einmal über seine „äußerste Schicht“, den Körper, sichtbar und lebendig und wird von Kraft, letztlich Lebensenergie, durchpulst. Als solcher unterliegt er im Wesentlichen der Selbstregulation, also der unbewussten Steuerung.
Nun sagen viele zu Recht zwar: „Das macht er, der Körper, von selbst‘“, halten das jedoch meist nur für eine Redeweise: „von selbst“ also.
Ich nehme aber, zurückgreifend auf mannigfache ältere, aber auch ganz neue Denkansätze die Möglichkeit an, dass es sich hier auch um ein Substantiv, sogar ein Subjekt, also ein in mir vorhandenes Steuer„Organ“ handelt, welches sowohl solche körperlichen Automatismen regelt als auch Zugang zu unserem Unterbewusstsein, ja zu unserem Unbewussten hat. Ja vielleicht sogar noch weiter in die Tiefen unseres innersten Wesenskerns reicht!
Ich würde es deshalb großschreiben, zu einem Subjekt machen und als „das Selbst“ zumindest als Teil unseres innersten lebendigen Zentrums, wenn nicht gar als unseren natürlichen Wesensgrund betrachten.
Noch mehr: als ein lebendiges, bewusstes Sein und sogar als ein potenzielles Du. Sein Innerstes ist schöpferisch, bewusst, will sich entfalten und verwirklichen, denn es ist zwar noch leer von jeder Form oder Gestalt, aber voller Potenzial, es will und kann etwas; das heißt, es wirkt und macht sich mehr als „nur“ körperlich bemerkbar. Es schickt uns Impulse und kommuniziert auch „gehirnmäßig“ mit uns, und ihm entspringt als dynamischer Drang zur Verwirklichung, ja zu schöpferischer Gestaltung im Prinzip unser Eros. Aus seinem ursprünglich keimhaften Selbst-bewusstsein bilden sich im Laufe der Kommunikation des Säuglings mit der Mutter beziehungsweise der Umwelt Psyche und Gefühl, Geist und Denken und aus deren Zusammenwirken unser bewusstes, steuerndes Ich. Dieses Geist-Fühl-Bewusstseins-Konglomerat kann unterscheiden, was zu ihm gehört und was nicht, über sich und andere nachdenken, reflektieren, erkennen und auch sich selbst und was im Leib vor sich geht, wahrnehmen. Es lernt, zu wählen, sich zu erinnern, und kann lernen, zu entscheiden, was es selbst will, wohin es seine Aufmerksamkeit, also sein Interesse, seine Eroskraft lenken will, auch, an welchen Stellen es verweilen oder sogar wandelnd tätig werden möchte.
Im Zuge der Erfahrungen mit den ersten Bezugspersonen, meistens der Mutter, lernt es gleichzeitig auch, sich (mehr oder weniger) an ihre Vorgaben, Erwartungen, Regeln, Normen und Werte anzupassen. So bildet sich ein geistiges Konstrukt, eine Art Ideal-Ich oder, wie Freud es nennt, ein Über-Ich heraus, das leitend, lenkend und führend eingreift, wodurch oft immer mehr der aus dem Selbst kommenden Vitalimpulse verdrängt, verzerrt oder verleugnet werden. Natürlich gibt es daraufhin immer wieder Trotzphasen, vor allem in Form manch pubertärer Rebellion, in denen das Ich versucht, seinen Willen und sein Selbstwachstum durchzusetzen. Dennoch wird, vor allem, wenn diese Versuche gewaltsam, etwa durch massive Strafen, unterdrückt werden, die Energie des Selbst im Körper gedrosselt, Körperstellen werden unsensibel, verspannt, hypersensibel, überreizt oder mehr oder weniger energielos. Das heißt, der lebendige Lebens-, Fühl- und Füllefluss des Selbst wird gebremst, stellenweise sogar ganz unterbrochen. Und das Resultat ist ein mehr oder weniger fremdbestimmtes, also heteronomes Ich, das letztlich in vielfältiger Weise von der Lebendigkeit des eigenen Leibes abgesondert ist, das sich kaum mehr fühlt und das sich oft zunehmend in das einrastet, was es für sich hält, was es zu sein denkt. Was sich, verstärkt durch Erfolg oder Misserfolg in der Anwendung des ihm Eingeprägten, wenn es sein Leben zu leben versucht. Und auch wenn Menschen, die auf diese Weise geprägt sind – also wir fast alle –, manchmal vage spüren, dass „irgendwas nicht stimmt“, nehmen sie doch nicht wirklich für wahr oder ernst, was sie leiblich und wirklich fühlen und was von ihrem eigentlichen Selbst her verwirklicht werden will. Es sei denn, es kommt zu wirklichen Defiziten oder Schmerzen, in denen die Aufmerksamkeit quasi gezwungenermaßen auf solche Körperstellen hingelenkt wird. Insgesamt ist es dennoch so, dass das Selbst und seine Energie vom Über-Ich wenn nicht zur Gänze verdrängt und damit unbewusst, so doch zumindest eingehegt, „kanalisiert“ wird. Und folglich alles außerhalb des vom Über-Ich Gestatteten dem Menschen per definitionem überhaupt nicht bewusst ist. Was für den betreffenden Menschen zumindest so lange ein akzeptabler Normalzustand bleibt, wie diese Art der Existenz mehr oder weniger den Normen seiner Umgebung entspricht, er nicht ernsthaft krank wird, ja er – wieder mehr oder weniger mit Glück – gerade so anerkannt, sogar geliebt wird und sein Leben meistert.
Der Preis dafür ist natürlich eine äußere und vor allem auch innere Ausblendung der eigenen Wahrnehmung. Nach außen eine Verzerrung, manchmal Verleugnung, tatsächlich oft auch eine wirkliche Sinnesbehinderung gegenüber Teilen der Realität. Nach innen eine mehr oder weniger große Entfremdung vom eigenen Leib, vom Fühlen, vor allem von unangenehmen und „unpassenden“ Gefühlen. Und damit auch von den weisen und leitenden Impulsen, die das eigene wahre Selbst von innen sendet, von Ahnungen und Intuitionen, die zwar nie ganz ausbleiben, sogar oft, je mehr ein Mensch ihnen gegenüber abstumpft, um so drastischer –„lauter“ – an ihn herandrängen, sogar lange Zeit nur eine weitere Verhärtung ihnen gegenüber bewirken. Und weil sich die Fühl-, Handlungs- oder Seinsverbote nachweislich nicht nur in unserer Geistpsyche, sondern auch im Körper, in der Muskulatur, in den Faszien, ja unserer gesamten Physiologie zeigen und einfleischen (vgl. dazu besonders die Erkenntnisse der Bioenergetik), können sich die Mahnungen unseres Selbst oftmals in Symptomen und Krankheiten bemerkbar machen. Ja uns sogar manchmal „schicksalhaft“ von außen überfallen.
Das Leben solcher Menschen wird natürlich zunehmend deprimiert und freudlos, und es nützt meistens nur wenig, wenn man versucht, das Verlorene durch äußere Leistungen, Erfolge, Besitz oder andere Kicks zu kompensieren.
Das heteronom geprägte Ich ist letztlich also nicht nur unfrei und vom eigenen Inneren abgetrennt, sondern insgesamt von dem, was sein eigenes Leben sein könnte, ja sein sollte. Und dadurch ist es abgetrennt auch vom Transzendenten, selbst wenn es einen spirituellen Weg geht oder sich religiös betätigt! Denn dergleichen führt eben meist zu keiner dauerhaft befreienden, befriedigenden und freudvollen Selbstverwirklichung, sondern oft bleibt mindestens eine Art Sehnsucht, wenn nicht gar ein „Unvermögenskomplex“ oder das Gefühl, doch nicht „auserwählt“, zu sündhaft oder nicht fromm, gehorsam oder „brav“ genug zu sein, um das versprochene Ziel zu erreichen. Was dann manchmal nur mit noch mehr Selbstunterdrückung oder Drohungen vonseiten des jeweiligen Kultus oder seiner Mitglieder zu „bessern“ versucht wird. Was aber meistens nicht funktioniert, denn Befreiung, Erfüllung und Selbstverwirklichung können nur in dem Maße geschehen, wie der Weg nach innen ins Er-Leben des wirklichen eigenen Seins beschritten, das freie Selbst wieder inthronisiert und dadurch wieder oder erstmals das Tor zur eigenen Seele geöffnet wird!
Ich wiederhole: Es ist Schritt für Schritt nötig, durch den Abbau behindernder Heteronomie ein überwiegend autonomes Ich zu gewinnen, das seinen eigenen Werten und Maßstäben folgt, Konflikte und Spannungen aushält und zumindest nicht zwanghaft die Erwartungen der Außenwelt erfüllen muss, sondern relativ spontan aus seinem Erleben wirkt. Aus dem heraus sich dann immer stärker ein Ich-Selbst, also ein befreites wahres Selbst, entfalten kann.
Um das zu erreichen, ist es nötig, die eigene Lebens- und Durchsetzungskraft zu stärken, was aber erfahrungsgemäß, einmal begonnen, in einem sich selbst stärkenden und stabilisierenden Kreislauf, einer Wechselwirkung geschehen wird, insofern, als mit jedem Stück abgebauter Heteronomie und gewonnener Autonomie auch ein Stück der eigenen Lebenskraft und Energie wiedergewonnen wird. Und diese dann weiterhilft, diesen Prozess fortzusetzen.
Lange Zeit werden natürlich, unserer Lebenswirklichkeit geschuldet, in diesem Prozess heteronome und autonome Ich- und Selbstanteile parallel nebeneinander existieren und wirken, solange, bis sich der Schwerpunkt immer mehr zum Selbst hin verlagert und das Ich so stark und autonom geworden ist, dass es sich immer mehr im Selbst zentriert. Je mehr wir uns dann der Führung unseres wahren Selbst und dessen Wirkkraft anvertrauen, desto mehr wird es uns – manchmal durch „seltsame“ Umstände gefördert – gelingen, aus diesem unserem Seinszentrum heraus auch unser persönliches Wirk-und Schöpferwerk zu vollbringen und darin unser wahres Lebensglück zu finden.
Da nun innerhalb dieses Prozesses vor allem unsere Liebes- und Schöpferkraft in Gestalt einer spirituell orientierten Agape- und Eroskraft eine ganz zentrale Rolle spielt, werde ich im Weiteren zu zeigen versuchen, wie diese Kräfte „aussehen“, wie sie verlebendigt werden können und dadurch schließlich der eingeschlagene Weg zur Selbst/Seelen/
